Geschichten und Gedanken Teil 31


Reality Rehab – Von der Zurückholung in die Realität

 
Auch wenn vielerorts am Tennisplatz bereits das Jahr 2011 abgehakt und 2012 mit all seinen möglichen Errungenschaften herbeigebetet wird, obliegt es dem Autor dennoch, mit scharfsinniger Präzision die vergangenen Meisterschaftsmonate Revue passieren zu lassen und hinsichtlich dieser, zumindest für das B-Team nicht gerade rühmlichen Periode, ein schonungsloses dreistufiges Verfahren anzuwenden, das der Herangehensweise in der Medizin entlehnt ist.
Geht ein Medicus daran, ein pathologisches Geschehen zu klassifizieren und schließlich der Heilung zuzuführen, zerfällt sein Vorgehen in drei Schritte: zunächst wird das Augenmerk auf die Geschehnisse gelegt, die vor dem Ausbruch des Leidens lagen: Anamnese. Sodann wird das Auftreten der Symptome in Kongruenz mit bekannten Krankheitsbildern gebracht: Diagnose. Zuletzt kann der Behandelnde alle möglichen Pfeile aus dem Köcher ziehen, vom Auflegen von Topfenwickeln bis hin zur Trepanation: Therapie.
Zur Rechtfertigung der Wahl des Titels sowie der Vorgangsweise: ausgerechnet am Abend unseres Unterganges gegen Lentia sah ich den Boxkampf Klitschko gegen Haye. Der Haymaker benahm sich in seinen Auftritten ja betont aufmüpfig, wenn nicht geschmacklos. Als Konter gab der sympathische Ukrainer dem Flegel in einem Interview zu verstehen, dass er ihm eine „Reality Rehab“ verpassen, ihn also ihn bedingungslos auf den Boden der Tatsachen zurückstellen werde. Soviel einmal zum Titel.
Die Vorgangsweise und die mit ihnen in Zusammenhang stehenden Attribute „pathologisch“, „schonungslos“ und dergleichen mehr, werden der Lesergruppe, die die Meisterschaft nur als launigen Zeitvertreib sieht, sauer aufstoßen. Ich werde dennoch einen Teufel tun und von dieser einmal eingeschlagenen Marschrichtung abweichen. Immerhin ist es ja auch und gerade Außenstehenden nicht entgangen, dass die Situation, wie sie sich heuer präsentierte, in Hinkunft nicht mehr vorkommen sollte, also ein gewisser Therapieerfolg allseits erwartet wird. Insofern ist ein Heilverfahren angezeigt, das nur dadurch funktionieren kann, wenn man sich zuvor intensiv mit den Voraussetzungen und dem Saisonverlauf auseinandergesetzt hat. Alles andere erfüllt den Tatbestand der Kurpfuscherei (§184 StGB). Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, in diesem Sinne schon Ingeborg Bachmann.
Darüber hinaus ist der Autor dieses Geschreibsels ja Pfleger in einer Reha-Klinik, aus der der zu Behandelnde nach oft anstrengenden Therapien in die harte Wirklichkeit entlassen wird. Der Leser wird aber am Ende des Berichts feststellen, dass wohlwollende Worte diesen abschließen. Der Berichterstatter will sich doch nur freischreiben von erlebtem Graus.
Betonen möchte ich an dieser Stelle auch, dass ich als oftmaliger Teilnehmer an den Konfrontationen ja ebenso Teil des Systems war und zu einem Gutteil auch Mitverantwortung am letztendlichen Ausgang der Saison trage, und manche Niederlagen nur durch „meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“ zustande kamen. Diese Selbsterkenntnis möchte ich allen Lesern vor Augen halten, die sich durch die eine oder andere Passage etwas auf den Schlips getreten fühlen.
Nach diesem Vorgeplänkel folgt nun der erste Teil der Abhandlung, der an Phänomene der christlichen Seefahrt stark angelehnt ist:
Anamnese: Aufstellung, Auslosung, Erwartung
Ehrlich gesagt war ich vor Beginn der Saison durchaus froh, das in raueren Gewässern segelnde Schiff der Einsermannschaft verlassen zu dürfen, um den jungen Matrosen alles Gute zu wünschen und in vermeintlich ruhigeres Fahrwasser mit dem B-Team eintauchen zu können. Bewusst waren mir natürlich die durch die personelle Vielschichtigkeit und disharmonischen Ansinnen bedingten althergebrachten Zipperlein des letztgenannten Teams: das nie verstummen wollende torpedierende Stimmengewirr vor jeder Runde und die daraus resultierende Unmöglichkeit für den Captain, die Mannen im Takt rudern zu lassen. Der heurige Vize-Steuermann kapituliert überhaupt und zieht es vor, der anderen Mannschaft nachzureisen oder seinen Verstand mit alkoholischen Getränken über Gebühr zu benebeln, anstatt noch irgend ein Interesse an den ausgegebenen Zielen zu entwickeln und etwa den anderen Coach zu unterstützen.
Ein Schiff, das dem Ruder nicht gehorcht, wird den Klippen gehorchen müssen. Dieses Sprichwort aus Großbritannien bewahrheitete sich heuer auf beeindruckende Weise. Zusätzlich ist einer uralten Weisheit des König Salomon beizupflichten, auf die ich bei Lektüre eines Buches von Paulo Coelho stieß: Wo viel Träume sind, da ist Eitelkeit und viel Gerede.
Nichtsdestotrotz sah auch ich vor Beginn der Saison gute Chancen, heuer mit dem Abstieg nichts zu tun haben zu müssen und bei gutem Wind sozusagen zwar nicht an den klippenreichen Strand des Aufstiegs segeln, aber zumindest im Vorderfeld gut mitmischen zu können. Dies aus der Überlegung heraus, die B-Garnitur habe sich ja schon mehrmals in der Ersten Klasse behauptet und sei personell noch verstärkt worden. Meine von vornherein ausbedungenen, vom Deanst abhängigen sporadischen Auftritte an Deck sollten so gesehen entspannte Reiseabenteuer eines mehr oder minder blinden Passagiers werden, der sich als Ergänzungsspieler betrachtet und selbst bei Nichtnominierung und Verhinderung ruhig Blut bewahrt, denn nach zwanzig Jahren Meisterschaft brauche man sich nichts mehr beweisen und könne einen schlussendlich nichts mehr erschüttern. All diese Erwartungen wurden bitter enttäuscht. Absteigen war jedenfalls das Letzte was ich wollte.
All dies in Kenntnis des Umstandes, dass die alten Seebären heuer den Versuch unternehmen würden, einen weiteren Stapellauf zu wagen, nämlich in die Ü45 einzusteigen und mit dieser der Tiefsee der letzten Spielklasse zu entrinnen, was dem B-Team potentiell weiter Saft und Kraft entziehen kann. Letzten Endes erstarb das stolze und ansonsten höchst erfolgreiche Schiff der Ü45 wie weiland die U96 unter den gemeinen Schrapnellen unserer Freunde aus der Piratenhochburg Bad Schallerbach, ohne jemals verloren zu haben. Dies ist für sich genommen schon eine traurige Farce, auf die ich aus Platzgründen und Wut hier nicht weiter eingehen kann.
Die Vorzeichen standen also zunächst gut, was wurde daraus? Nun folgt die Diagnose, also die genaue Beschreibung und Zuordnung der Symptome, die das Scheitern begünstigten, Teil zwei der Abhandlung.
Diagnose: Runde für Runde wird es leckerer!
Vor Auftakt unserer Meisterschaft zogen es einige Protagonisten abermals vor, sich an der slawophilen Adriaküste auf bevorstehende Aufgaben vorzubereiten. Dass dies letztendlich in einer mehrfachen kryptogenen Infektion und in der Schwächung des ganzen Mannschaftsorganismus enden würde, war natürlich nicht zu ahnen.
Der Effekt dieses mehrfachen Ausfalls, begleitet von weiteren Absagen, war der, dass für die Mannschaft in der ersten Runde nur ein Rumpfteam zur Verfügung stand. So wurde auch der Letztgereite, nämlich mein Nachbar Hubertus, gefragt, ob er nicht teilnehmen könne, doch auch dieser reiste per Mopette nach Güssing.
Und so fand sich die Mannschaft, notdürftig zusammengekittet durch zwei Akteure, die schon jahrelang nicht mehr in der Meisterschaft Einzel gespielt hatten, wie durch einen Zufall auf die Bühne gespült, am 7.5. auf heimischer Anlage in Buchkirchen wieder. Im Winter sprach man noch von der Notwendigkeit einer dritten Herrenmannschaft, dies aber nur so nebenbei, aber als Beweis der Realitätsfremde. Der Gegner war Hinzenbach, Aufsteiger aus der zweiten Klasse.
Während sich der Autor gegen den fremden Bürgermeister klar durchsetzen konnte und auch sonst mehrere Einzelerfolge zu verbuchen waren, entspann sich auf Position sechs ein besonderes Drama: Hermann K., alles andere als gesund, focht mit Gegner und vor allem seiner physischen Konstitution einen ebenso bewundernswerten wie zu Mitleid rührenden Strauß aus. Nach wechselvollem Verlauf, abgewehrten Matchbällen, Medikamenteneinnahme, 5/3-Führung im letzten Satz und letztendlichem Kraftverlust stand nach diesem Match, das von jedem anderen schon zehnmal aufgegeben worden wäre, ein 3/3 zu Buche.
Dank unserer Doppelschwäche ging die Konfrontation natürlich mit 4/5 verloren, ein Ergebnis, das ob der Aufstellung durchwegs als Erfolg verbucht wurde, im weiteren Saisonverlauf aber als Auftakt und Menetekel einer beispiellosen Pleiten-Pech-und-Pannen-Saison herhalten musste. So einfach wurde es nämlich nie wieder.
Runde zwei brachte das Duell mit meinem Deanst-Ort Wilhering. Der Gegner Andre Viehböck brachte mir gleich beim Einspielen die Statistik näher, die besagte, er habe mich vor etlichen Jahren knapp in drei Sätzen geschlagen. Gespielt wurde mit selbst beim Gegner ungeliebten Babolat-Kugeln, denen das Annehmen von Spin fremd war (der auf der Dose abgebildete Rafa Nadal ist wohl der einzige Spieler, der auf dieses Spielgerät Vorwärtsdrall übertragen kann).
Mit diesen Vorzeichen versehen, mühte ich mich mit Viehböck durch zwei knappe Sätze, wobei der dritte die Entscheidung bringen musste. Die Bälle, obwohl sie durch mein bekanntes Durchreißen des auf vollen Spin gestellten Schlägerkopfes auf der Rückhand ordentlich an Absprung gewinnen hätten müssen, kamen eher lau in der Hälfte des Gegners zur Landung, was den Widersacher dazu bewog, sämtliche Filzkugeln munter im Aufsteigen zu nehmen und beizeiten auch den Weg ans Netz nicht zu scheuen. Abgemischt wurde diese Taktik durch gewaltig sich in den Untergrund einfressende Slice-Graber, die dem Autor schwere Ermüdungserscheinungen in Körper und Gehirn jagten.
Bewogen durch die optische Überlegenheit meines Opponenten, sah sich das Heimpublikum bemüßigt, den Lokalmatador lautstark zu unterstützen und meiner Schupfi-Mupfi-Manier noch weiter die Berechtigung abzusprechen. „Andre, zah au, du spüst jo weit bessa wie der!“, war der Kommentar eines hochschwangeren Wilheringer Fans.
Dass mich derartige Bonmots weiter in meinem Siegeswillen bestärkten, muss an dieser Stelle nicht extra untermauert werden. Schön war es zu sehen, wie im Angesicht der eintreffenden Regionalligamannschaften aus Wilhering und Samarein der local hero immer mehr aufgelegte Smashes und Angriffsbälle versäbelte, in Rage geriet und schlussendlich sein Racket im vorletzten Game knickte.
Wieder einmal 3/3 nach den Einzeln, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber die Doppel werden uns wieder nicht weiterbringen, so meine Gedanken vor der Partie an der Seite von KTom, bei dem ich mich gleich vor dem Match für allfällige Insuffizienzen (hohe Grundlinienschläge, die am Netz weggewischt werden, Volleyfehler und sonstige zu erwartende Landplagen) entschuldigte.
Entgegen meinen Erwartungen konnten wir im Doppel gut mithalten, was vor allem an der antreibenden Vorhand meines Partners, aber auch meiner weitgehenden Fehlerfreiheit lag. Wer mich kennt, weiß, dass ich mich nicht auf mangelndes Glück ausrede, aber an diesem trüben Nachmittag rollte die Kugel nur für den Gegner, was diese auch entschuldigend anerkannten: mehrfach wurden Netzroller vom Gegner am Netz mir nichts, dir nichts abvolliert, mal wurde bei einem Big Point meine Person durch eine weit ins Aus wabernde Smash-Granate hinter der Baseline getroffen. Es war unmöglich auszuweichen, wie auch dem Endergebnis: 3/6 insgesamt, mit dem von manchen Brachialoptimisten bei kühlem Bier erträumten und erschäumten Aufstieg würde es wohl nichts mehr werden.
Auf fremder Anlage genehmigte ich mir als Einzelgänger mit dem Einzelgegner noch einen abschließenden Gerstensaft, bei welchem Agassis Namensvetter ausstieß, ich hätte ein „erbärmliches Spiel“. Mehr Lob für meine Zerstörungstaktik gibt es nicht. Zum Ausklang dieses „netten“ Tennistages ging es in die Rehaklinik sowie zum Schober auf den Aichberg. Am nächsten Tag konnte ich ob der Reckungen und Streckungen nach den Bällen kaum kriechen, schwere Analgetika halfen mir, den Nachtdienst irgendwie zu überstehen.
Zur Runde drei tanzten die Mannen aus unserer Nachbargemeinde Alkoven an, gedroschen wie die Tanzbären wurden wieder wir: nach dem Einzel zunächst ein 3/3, wozu ich durch einen ungefährdeten Einzelsieg in unter einer Stunde beitrug. Der Gegner Tiringer, eines guten Kickaufschlages auch mit dem second serve mächtig, wanderte beständig diesem folgend an das Netz, war aber gottlob zu fehleranfällig, um mich ernsthaft gefährden zu können.
Bereits um 14.00 Uhr verließ ich die Anlage, um vor dem anstehenden Nachtdienst noch etwas Schlaf herausholen zu können, aufgrund der Aufgewühltheit nach dem Single war daran aber nicht zu denken. So erschien ich um etwa 17.45 Uhr noch einmal kurz am Rande des Courts, um vom Zwischenergebnis zu erfahren, aber auch um an allen Ecken und Enden Unterlegenheit im Doppel, dem Fallstrick für die Ewigkeit, mitansehen zu müssen. 3/6, der Aufstieg war bereits so weit weg wie die Sonne vom Planeten Pluto.
Bedingt durch den Gang aus dem Nachtdienst am 28.5. gab ich bekannt, an der vierten Runde nicht teilnehmen zu wollen. Es hätte auch keinen Sinn gehabt. An meiner Ankündigung änderte sich nichts, als die Partie wegen Schlechtwetters auf Sonntag verlegt wurde. Der Sinngehalt blieb gering, ich zuhause und die Partie abermals wurde verloren. Man teilte mir nur so viel mit:
Wenn der Vater mit dem Sohne in ein Match zieht, muss dies nicht zwangsläufig in einem netten Familienfilm enden, sondern kann dies bedeuten, dass der revoltierende Sohn die ganze Aufmerksamkeit des einige Steinwürfe entfernt spielenden Papas auf sich zieht. Eher zum Klamauk wird der vermeintliche Familienfilm dann, wenn diese Unruhe dazu beiträgt, dass beide Matches schlussendlich den Bach runtergehen. Wer im Einzel der Sechser den Generationenkonflikt angefacht hat, das junge Talent oder der an Jahren etwas weiter fortgeschrittene abgebrühte Hartkirchner Pfarrersbruder, ist nur Makulatur.
Verwünschenswert ist im Abstiegskampf auch der Zustand, wenn einem aufschlagstarken Spieler ein klares As aberkannt wird, nach langer Diskussion ein weiterer Aufschlag, der sein Ziel nicht erreicht hat, als Doppelfehler in die Wertung geht und der solcherart verarschte Spieler das Match mit seiner bisherigen Intensität nicht gewillt ist, fortzuführen. Na gut, abgetreten bin auch ich heuer einmal, dazu später. Es gibt Situationen, da kann und will man nicht mehr.
Nach dem 2/4-Zwischenstand und etlichen Situationen, in denen ein Faustkampf im Bereich des Möglichen erschienen sein soll (The Imminent Battle of Hardchurch), konnte ein gewonnenes und ein Pünktchen bescherendes Doppel doch in trockenen Tüchern nach Hause gebracht werden. Die Teilnahme an den abschließenden Volley-Orgien war auch für mich nach den oben erwähnten Vorkommnissen im Bereich des Möglichen, ein in Leppersdorf eingehender Anruf, dass sich die Gemüter wieder beruhigt hätten, bewegten mich stante pede zum Umkehren auf einem regendurchtränkten und somit schlatzigen Feldweg.
Mit der Erkenntnis, dass es nun doch schön langsam erforderlich wäre, ein Match zu unseren Gunsten zu entscheiden, rüsteten wir uns für das Duell mit Pasching. Dies galt umso mehr, als unsere Gegner des 4. Juni zwei Tage zuvor ausgerechnet gegen Eferding keinen Punkt machten, wobei wir letztere eigentlich als verlässlichen Punktelieferanten auf der Rechnung hatten und hinsichtlich derer wir mit schreckensgeweiteten Augen nun feststellen mussten, dass sie uns nun mit diesem Dreier zu enteilen drohten.
Als ich den Platz betrat, waren wir gegen die von einem starken Tschechen angeführten Paschinger schon im Hintertreffen. Zunächst sah es so aus, dass mein Gegner Laubichler nur ein laues Lüftchen im starken Sturm darzustellen in der Lage ist, der erste Satz ging mit 6/1 an mich, ein gewisses Ausbügeln des nicht gerade rosigen Zwischenstandes erschien möglich.
Ab dem 1/1 im zweiten Satz folgte eine Trendwende im Match, die ich in dieser Form in mehreren Jahrzehnten noch nicht miterlebt hatte: plötzlich begann mein Gegner, unerreichbare Winnergranaten in alle möglichen Ecken des Platzes zu donnern. Angefacht offenbar vom 2-Meter-Lackel, der eben den EFKO verspeist hatte, wusste ich mich mit meinem Spiel nicht mehr zu wehren und war bald mit dem Latein am Ende. Versuchte ich selber etwas kräftiger anzutauchen: Out! Der Sturm tat sein Übriges, ich konnte die Bälle nur mehr vorsichtig als Slice in die Platzmitte bugsieren, traf trotz Bemühens und einprogrammiertem Rückhand-Cross die Backhand des Gegners so gut wie nie und wurde von der Vorhand des Gegners schlussendlich regelrecht eingestampft.
Bei 2/4 in die Doppel zu marschieren und an der Seite von Pühres gegen den guten Tschechen samt Sekundanten zu fechten war ebenso hoffnungslos. 1/6, 1/6, halleluja!
Besser schlugen sich Kellermayr/Eferdinger im Zweierdoppel, und ja, man muss schon sagen: sie schlugen sich im letzten Akt durch die eintretenden Umstände selbst. Ich sehe noch jetzt den aufgelegten Matchball (einer von zwei) und den Dunlop in den Maschen zappeln. Ich wohnte einer durch Nervosität induzierten Nahrungskarenz bei, die Hypoglykämie erzeugte (Leitsymptom: Muskelzittern) und einem Umböckler im Championstiebreak. Letztendlich blieb von der Hausmacht nur ein beinahe bewegungsunfähiges Doppel stehen, 2/7 der bittere Schlussstrich.
Nach Verdauung dieser Pleite rollte der Tross weiter in die Bezirksstadt Eferding. Im Vorfeld war klar, dass nach den Einzeln drei Leistungsträger abrücken müssen, die Firmung stand an. Es ist dem Autor der Umstand bewusst, dass derartige Feste vorgehen, aber in einer durchschnittlichen Saison tritt so ein „Glücksfall“ nicht gerade in einem Match gegen einen Mitbewerber um den Abstieg und unter den unten genannten Konstellationen ein.
Ich stemmte mich im Einzel gegen einen ältlichen Kärntner, der mit seiner Linkshänderweise nichts gegen mich ausrichten konnte. Vor allem die unterschnittenen Rückhand-Slice mit Sidespin brachten diesen honorigen Herrn in tiefste Verzweiflung.
Noch halbwegs gut gelaunt nach meinem Einzelsieg betrachtete ich das Geschehen auf den anderen Plätzen und sah insoweit erfreuliches, als wir im Wesentlichen überall gut mithielten und zumindest ein Punkt, sprich ein 3/3, nach den Singles in durchaus greifbare Nähe gerückt schien, nein, sagen wir es deutlicher, es roch durchaus nach 4/2.
Wie schnell dunkle Wolken sowohl am Himmel, als auch im Mentalstatus eines ohnedies vorgeschädigten Patienten auftreten können, bewies der Nachmittag des 18. Juni 2011:
Mit schwarzem Gewölk kam beständiger Regen, welcher zunächst einmal den Effekt hatte, dass die Begegnung für etwa eine Stunde unterbrochen wurde. Eine etwa zehnminütige Regenpause, übrigens die letzte an diesem denkwürdigen Tag, wurde von den Hausherren benutzt, um uns Auswärtige wieder auf den Platz zu locken. M. Scheid musste zu diesem Zeitpunkt sein Match schon w.o. geben und sich in den Feiertagsanzug werfen.
Die Begegnung der beiden Mannschaftsführer erfuhr eine Fortsetzung im dritten Satz, wobei gleich nach dem Einspielen der vorher genannte nasskalte Himmelsbote abermals in voller Intensität Einzug hielt, aber der Boden saugte und saugte als spielte man auf hundert Lagen Löschpapier. Dessen ungeachtet lief die Begegnung weiter, wie auch etwa hundert Meter weiter die Regionalliga-Abstiegspartie der Eferdinger Vogl-Fänger gegen die Weiberner.
Bei Witterungsbedingungen, bei denen ein Hundebesitzer zweimal überlegt, ob er seinen Kläffer hinausjagen würde, nahm das Schicksal seinen Lauf und ich verfiel dem Blutrausch. Der Eferdinger Falott mutierte ob seiner Überlegenheit gegen den Brillenträger KTom zur Grinsekatze. Dies trieb mich derart zur Weißglut, dass ich zunächst meine Oberbekleidung ablegte und ostentativ den sommerlichen Temperaturen (ca. 13 Grad) frönte.
Der eingeborene Regentänzer hatte nun endgültig das Heft in der Hand und verwandelte seinen Matchball in das 4/2 für die Hausherren, was mich nach Konsumation zweier Biere endgültig meines klaren Verstandes beraubte: ich zog blank, die Worte, vielmehr den Befehl, „Leck!Leck!“ ausstoßend.
Auch vor den Doppeln kam für die Hausherren keineswegs die Vertagung in die Frage. Während die Weiberer auf eine weitere Tränkung von oben und Kränkung von Skrupellosen durch Preisgabe aller Doppel verzichteten, machte sich teilweise frisch-fröhlich und mit Siegesvisionen im Gehirn eine C-Garnitur Buchkirchner, darunter vier Brillenträger, teils mit Regenschirmen auf den Weg in den sicheren Untergang. Es war, ohne den Akteuren nahetreten zu wollen, so als wollte man mit einem 136-PS-Dieselkraftwagen bei einem Formel-1-GP teilnehmen.
Für mich eröffnete sich, das Blut war weiterhin in heißester Wallung, damit die Bühne, diese Farce so richtig auszukosten. Mit dem Aulator, gleichfalls stark motiviert, war natürlich der richtige Partner an meiner Seite, mit dem man ein Einserdoppel in der Ersten Klasse locker nach Hause spielen müsste (lach, lach!).
Siegessicher rauchten wir zum Aufwärmen Marlboro und schlugen uns im Kleinfeld ein. Dass wir ein Game machten, war eher ein Versehen. Von beiden Akteuren wurde zugegeben augenscheinlich wenig Wert auf das Ergebnis gelegt, sondern vornehmlich versucht, durch extreme Ballonbälle die Regenwolken abzuschießen, dies war aussichtsreicher als ein Sieg im Match.
Uns nasse, geprüglte Hunde führte der Heimweg über den Schartner Höhenrücken, meine Laune war dem Tabellenstand angepasst im Keller.
Das angenehmste Wochenende in dieser Periode war das vom 25. und 26. Juni, als keine Begegnung anstand und die Nerven wieder etwas Entspannung bekamen.
In die vorletzte Begegnung der Saison, gegen den UTC Lentia, mir aus dem Vorjahr noch als Bezirksligagegner ein Begriff, ging ich eigentlich ohne Erwartung, außer der einer fixen Niederlage: wenn man schon gegen den Letzten verliert, wieso sollte man gegen den fast fixen Meister ein Leiberl haben?
Als die erste Tranche der Buchkirchner mit ihren jeweiligen Opponenten auf das Spielfeld gegangen war, entwickelten sich alsbald, zumindest auf Platz 2 (KTom) und Platz 3 (Kinauer) offene Matches, die Hoffnung machten, dass gegen die haushohe Übermacht zumindest ein Punkt drinnen sein könnte. Als sich auch noch der Erstgereihte in seinem Match gegen Michi Sch. an der Leiste verletzte, stiegen die Chancen weiter und weiter.
Es ist bezeichnend für ein Seuchenjahr, dass natürlich alle Matches in so einer Situation für den Gegner laufen und man wieder als wackerer Held früherer Tage bei einem 0/3 einlaufen darf.
In meiner Begegnung mit der Nummer Fünf der Linzer musste ich alsbald feststellen, dass dieser Linkshänder über ein noch sichereres Spiel verfügt als meine Person. Das Resultat waren lange und durchaus nicht unspannende Ballwechsel, lange Games, in denen der Angereiste meist dank besserer Variation im Spiel die Oberhand behielt. Mit meinem Spiel an sich war ich an diesem Tag nicht einmal unzufrieden.
Angefeuert durch fruchtlose Zurufe „Kumm Andi, kumm Andi“ steuerte der derart Angespornte einer Leere in Gehirn und Körper sowie die Partie einer sicheren Zweisatzniederlage zu, und auch in den verbleibenden Einzeln war keine Aussicht mehr auf Erfolg. Ich empfinde derartige frustrane Anfeuerungen so, als wollte man aus einer eben ausgeraubten Bank noch schnell eine Million Euro beheben.
Was in derartigen Phasen in einem überlegen Führenden vorgehen muss, der einen sowohl durch für jedermann nachvollziehenden Schalleindruck als auch durch optischen Beweis eindeutig zu ergründenden Linienball abstreitet und einen anderen Abdruck zeigt, ist mir schleierhaft und war für mich auch nicht weiter zu ergründen. Ich trat kurz vor dem Matchball grußlos ab, es hatte alles keinen Sinn mehr.
Nach unserer vollständigen Unterwerfung ohne Punkt blieb noch die Partie gegen die mittlerweile zu Erzrivalen avancierten Kirchberg-Theninger, die knapp vor uns im Tabellenkeller herumgrundelten.
Ein voller Erfolg wäre dazu angetan gewesen, uns in letzter Minute vor dem sicher geglaubten Abstieg zu bewahren. Wir spekulierten damit nicht mehr, schworen uns aber, bei Eintritt der Chance für die Rettung uns nochmals am Riemen reißen zu wollen.
Mit der meiner Meinung nach besten Mannschaftsbesetzung dieser Spielzeit und nach starken kämpferischen Leistungen bei brütender Hitze, wobei ich einen geschätzten Mittvierziger mit schickem schwarzen BMW niederrang, führte die Truppe mit einem überlegenem 5/1 nach den Einzeln.
Für das Doppel setzte ich aus, um Rettung oder Untergang bei einigen kleinen Weißbieren mitverfolgen zu können. Unserer Doppelschwäche, die uns nur ein Achtel der Begegnungen gewinnen ließ, unterworfen, wurde es natürlich letztgenannte Variante, gleich dreimal gab der Championstiebreak den Ausschlag gegen uns, die Maximalvariante der Demütigung.
Noch trauriger weil beinahe gesundheitsgefährdend ist das Verhalten mancher Spieler auf dem Platz. Ich nenne hier den verletzt geglaubten und in Hörsching geschassten Einser der Theninger, den allseits beliebten Ackermann. Dieser schleuderte im Zweierdoppel, zwar augenscheinlich in der Absicht, den Schläger ins Netz zu befördern, das Spielgerät im End-Affekt mit voller Wucht zwischen den Buchkirchner Akteuren durch, sodass dieses in den seitlichen Zaun einschlug. Gegenseitiges Anschreien der Platzherren gehörte ebenso zum guten Ton, aus alldem konnte kein Kapital geschlagen werden.
Nach der Schilderung der diesjährigen Symptome folgt nun der letzte, der Salutogenese förderliche Abschnitt, das Kapitel der Therapie.
Therapie-mit Siegen zurück zur Leichtigkeit
Betont kurz möchte ich nach all diesen geschilderten Geschehnissen das letzte Kapitel halten. Denn als Spieler, der sich noch weiter aus dem Meisterschaftsbetrieb fernhalten wird, steht es mir nicht zu, irgendwelche Kommentare oder Verbesserungsvorschläge hinzuzufügen. Dies würde einer Polypragmasie nahekommen, der sinn- und konzeptionslosen Diagnostik und Behandlung mit zahlreichen Arznei- und Heilmitteln sowie anderen therapeutischen Maßnahmen, noch dazu aus unberufenem Munde.
Was ich mitgeben kann ist als sehr schonende Therapieform der Ausspruch eines Wilheringer Patienten, des früheren ORF-Mannes und Muster-Moderators F.K. (Name aus Datenschutzgründen gekürzt), dem ich von unserer diesjährigen Havarie erzählte. Er meinte nur, dass es egal sei, wo man spiele, solange man mit Freude und Engagement dabei sei, gewisse Erfolge stellten sich dann ganz von alleine ein.
So bleibt nur zu hoffen, dass durch etliche Siege (ich nehme bewusst NICHT das Wort Aufstieg in den Mund) nächstes Jahr zumindest die Freude anstelle der Fehleranalyse wieder in die Mannschaft zurückkehrt und bei den Vorgesprächen und Zieldefinitionen der Boden unter den Füßen nicht verloren wird.