Geschichten und Gedanken Teil 29
Gehen- eine Geistesbewegung




Im Bewusstsein einer bereits mehrjährigen Tradition, vortrefflich vorbereitet durch immer detailgetreuere Wanderkarten nebst Erinnerungsmails, ausgerüstet diesmal nicht mit schnell verglühenden Fackeln, sondern bisweilen mit Lampen wie sie die Steiger im Bergbau vorführen, gewärmt durch Möste aus dampfenden Kesseln, eingepackt in funktionell-elegante Winterkleidung, redselig und gesellschaftsdurstig aufgrund der langen Tennisplatzabstinenz, personell stark wie bei allen Wanderungen, gnadenlos angetrieben von der vorne weg agierenden, zotteligen Gallionsfigur unserer Kämpfe, Fanny, der das Security- und erweiterte Mahnwesen obliegt, beschienen durch die Abendsonne der wieder etwas länger werdenden Tage, jedoch auch in völliger Dunkelheit ortskundig, dankbar zurückschauend auf vergangene Großtaten und zugleich neue erwartend, gutgelaunt und -beschuht, machte sich nun denn die sportlich bewanderte Fraktion unserer Sektion in ein Restaurant der selbsternannten Erlebnisgastronomie auf, welche neben Pizzabackstube, Disse, Kegelbahn auch
disloziert eine Tennishalle umfasst, die in depressiven Wintern für Hebungen im Serotoninspiegel sorgt und somit der Formkonservierung und der Distraktion von witterungsbedingten Trübungen Vorschub leistet.
 
Was denn noch alles, warum dieser überbordende Einstiegssatz in das Jahr 2011? Er soll, zusammen mit Teilen des nun folgenden Berichts, naturgemäß völlig insuffizient mit meinen stilistisch vergleichsweise verkümmerten Mitteln, Zeugnis geben vom Schriftsteller Thomas Bernhard, der seine Werke bisweilen mit derartigen, nur noch ausgiebigeren Monstersätzen begann und in dessen Oeuvre ein etwa 100 Seiten umfassendes Werk mit dem Titel „Gehen“ aufscheint.
Auf regelmäßigen Spaziergängen berichtet Oehler, der früher mit Karrer ging, einem Dritten, warum Karrer verrückt geworden und nach Steinhof hinaufgekommen ist. Für Karrer war das Gehen Anlass und Ausdruck seiner Denkbewegung. »Mit Karrer zu gehen, ist eine ununterbrochene Folge von Denkvorgängen gewesen.«, Denkvorgänge, in den Karrer sich klarwerden wollte über die Beziehung des Denkens zu den Gegenständen, über das Verhältnis von Bewegung und Stillstand.
Anstrengend, nicht wahr? Der Inhalt und die Zeitebenen dieses Werkes sollen hier nicht den Gegenstand der Betrachtung bilden. Aber ähnlich wie der vielfach geschasste Autor und im übrigen leidenschaftliche Gasthausgeher sehe auch ich Spaziergänge und –fahrten, möglichst über wenigbefahrene Schreamsn Innerösterreichs, als Triebfeder des Denkens und der Inspiration an. Und so soll gerade dieser per pedes bestrittene Ausflug am Abend des 8.1.2011 im Hirnkastl einen Kaltstart bewirken sowie den willkommenen Anlass bieten für die Veröffentlichung neuer Geschichten und Gedanken.
So nebenbei erwähne ich auch dankend Dr. Schlichting aus Braunau, von dem ich die Idee des Security- und Mahnwesens habe. Dies gebietet die in diesem Falle auch durch das Urheberrecht sanktionierte Redlichkeit.
Genug mit dem theoretischen Vorgeplänkel. Was tat sich also an diesem Abend konkret aus meiner Sicht?
Wohl vorbereitet durch ein Seiterl beim Cafe Rossi trudelte ich um etwa 16.45h am TP ein, kurz vor Post-Christian, Russen-Willi und einer bisher unbekannten, jedoch in wohlbekannte Schemata fallenden Begleiterin von Black Beauty.
Nachdem mein Glühmostbecher durch die enorme Hitze des Inhaltes aufgeweicht und somit unbrauchbar geworden war, setzte auch ich auf eine kühle Blonde aus stabilerem Gebinde und griff mir zusammen mit anderen aus dem Kofferraum des Opels von Flexpoint eine Flasche Stiegl Leichtbier.
Diese Maßnahme hatte für die solcherart zur Nachhut gewordene, etwa zehn Mann und Frau starke Rotte die Konsequenz, dass bereits zu Beginn der Wegstrecke ein erheblicher Rückstand aufgerissen wurde. Schon auf Höhe der Fußballplätze waren die davoneilenden Truppenspitzen bereits außer Hör- und Sehweite, ein Umstand, der sich im Restaurant noch bitter rächen sollte.
Naturgemäß setzte bei den die Wegzehrung trinkenden Mannen durch die verstärkte Nierendurchblutung beim Gehen verursachter imperativer Harndrang ein, was dazu führte, dass manch einer, von Taschenlampen gut ausgeleuchtet, seine Notdurft beim KPÖ-Ständer in der Nähe des anderen Pizzabäckers Stadi verrichtete (Motto: Der hat ja jetzt schon mehr Promille wie die KPÖ bei der Wahl!).
Von derartigen Umtrieben weiter abgeschlagen, nützten auch vermeintliche Abschneider beim Haslinger nichts mehr, der gemischt-verstärkte Verband an der Speerspitze der Wandersleut musste den Gronall längst passiert haben, als unsereins noch bei den Jandlischen Lehmgruben zu versumpfen drohte. Manch einer begann wie weiland Thomas Bernhard über das Verhältnis von Bewegung und Stillstand zu philosophieren (Des gibt’s do net, wo san denn die? De rennan jo!)
Schließlich trafen die versprengten Truppenteile erst einige Minuten nach den Dauerläufern ein, personell weiter aufgewertet durch spazierfaule Kraftfahrer sowie von einer Familie, die auch an diesem Nachmittag das Tennisspiel wieder einmal nicht lassen konnte.
Essens- und getränketechnisch fiel meine Wahl standesgemäß auf die aus Pizza und Bier entstandene Kombi-Variante „Bierzza“, wobei ich mir die eher lasch daherkommende Diavola noch mit scharfen Spezereien veredeln ließ.
Dort, im engen, mit rutschigem Leder bezogenen hintersten Winkel des Speisehauses, rächte sich die von mir und meinen Sekundanten vorgetragene Marschtaktik in offensichtlicher Weise: während auf anderen Tischen bereits die Nachspeise serviert wurde, waren die Abgeschlagenen noch mit dem ersten, mittlerweile fast siedenden Bier beschäftigt, welches in meinem Fall auch noch eine gewisse Zeit für das Löschen der Brände herhalten musste, die durch die auf die italienische Flade aufgetragene Würze entstanden waren. Die zweite kühl-zischende Erlösung kam erst gefühlte Stunden später, ein Umstand, der in einem solchen Ausspeiser-Lokal eigentlich nicht vorkommen sollte.
Ringsum hallte es von den anderen mit vergnügungssüchtigen Teufeln gefüllten Tischen her, ein akustischer Umstand, der mich dazu bewog, erstmalig seit November 2006 (Bachleitner) keine Ansprache zu halten. Finklham scheint kein guter Boden für feinsinnig-sophistische Deklamationen zu sein. Als überaus positiver und zu Dank verpflichtender Umstand ist allerdings die Tatsache zu werten, dass die Vereinsspitze auf jeden der Tische compensando Weiß- und Rotwein eintreffen ließ.
Und so beschloss ich auch im Hinblick auf den am nächsten Tag anstehenden, mit dem Aufstehen um 5.07h einhergehenden, „laungen Deanst“, um dreiviertel zehn die Szenerie zu verlassen.
Als Resümee mochte ich für meinen Part in den Raum stellen, dass zwar das Treffen mit den im Winter nahezu verschollenen Mitstreitern wie eh und je eine Bereicherung war, der für diese Unternehmung in Beschlag genommene Raum aber meiner Idee von Gemütlichkeit eher weniger entspricht. Zu konzedieren ist natürlich, dass das GO eine Art Notlösung war, zu der gegriffen werden musste, weil in Günschis guter Stube kein Platz mehr für die Sektion war.