Geschichten und Gedanken Teil 27 
 


Flo B.- Der Sieger der Alexanderschlacht

 
„Has-beens should not present awards to gonna-bees!“ oder zu deutsch: “Ehemalige sollten Zukünftigen zu nichts gratulieren!“. Diese scharfen Worte richtete einst der britische Lümmel Liam Gallagher von Oasis an Michael Hutchence von INXS, als letzterer ihm einen Preis verleihen wollte zu der Zeit, als der australische Pub- und Stadionrock der von mir bekanntermaßen sehr geschätzten Gruppe INXS nur noch eine Randnotiz der Geschichte war und der Britpop bunteste Blüten trieb (1996).
Ein Körnchen Wahrheit lässt sich in dieser Aussage schon erkennen, weil es ja für einen, dessen Aufstieg erst im Beginnen ist, erschreckend sein kann, wie die Karriere eines einstmals virtuos agierenden Künstlers degenerieren kann.
Wenn ich jetzt zur Würdigung des neuen Champions mehr oder minder virtuos in die Tastatur dresche, erkenne und fürchte ich Parallelen zum obigen Zitat. Sollte ich wirklich, der ich 1998 und 1999 den Titel errang -ein Umstand, der schon fast durch die lange Verjährungsfrist aus dem Rechtsbestand ausgeschieden ist- einem Spieler gratulieren, dessen Erfolgsrun eben erst begann und dessen Tragweite erst in einigen Jahren so richtig abschätzbar ist?
Ja, ich werde es mir anmaßen, weil ich nicht anders kann. Und nicht anders als die gestrige Verbeugung in die rote Asche hinein soll auch dies eine feinsinnige Laudatio werden.
Zugegeben: vor Beginn des diesjährigen Finales habe ich Alex favorisiert und auch innerlich zu ihm gehalten, was folgende Gründe hatte:
Zum einen ist Alejandro wohl der letzte Aspirant aus der altvorderen Spielerriege, die von der Leistung her reif für einen Einzelmeistertitel wären, diesen aber noch nie gewonnen haben. Alex hat vor allem in der letzten Zeit als Co-Kapitän die Einsermannschaft souverän durch schwieriges Bezirksliga-Fahrwasser mitgelenkt und wusste so ziemlich jede Statistik der Gegner auswendig. Er lebte Tennis geradezu und investierte zudem auch gezielt in seine Fitness.
Weiters kenne ich natürlich die Fähigkeiten des prädestinierten Hardhitters (Aufschläge um die 200 km/h, mächtige Vorhand), die weite Teile der Gegnerschaft, wie es Wolf ausdrücken würde, zum Beifahrer machen.
Geprägt durch diese unbestreitbaren spielerischen Möglichkeiten, im klaren Bewusstsein, dass es heuer wahrscheinlich die letzte Gelegenheit ist, dass einer der von mir gerne so genannten „Goldenen Generation“ den Titel erringen kann bevor die „New Power Generation“ endgültig das Ruder übernimmt und in Kenntnis der diesjährigen Statistik, die Alex mit zwei deutlichen Siegen vorne sah, rechnete ich eigentlich fest mit dem Triumph des zweifachen Familienvaters.
Die gesteigerte Leistungsfähigkeit des Jungspundes ist wiederum auch nicht spurlos an mir vorbeigegangen: während ich voriges Jahr bei einer Forderung, mein blaues „On the Rocks“-Leiberl tragend, noch kühlen Kopf bewahrte und nur wenige Games abgab, überraschte mich Flo heuer in einem Trainingsmatch bereits mit einem 3:6, wobei ich 3:0 führte und er sodann irgendetwas am Spiel umstellte, was genau, das entzieht sich bis zum heutigen Tage meiner Kenntnis.
Schon mehrere Tage vor dem vermeintlichen Finale sprach ich natürlich mit beiden Spielern, vor allem auch im Hinblick darauf, mehr berücksichtigungswürdigen Stoff in meine Geschichten und Gedanken einbringen zu können. In diesen Gesprächen stieg Alex schon beachtlich auf die Euphorie-Bremse: man merke bei Flo jeden errungenen Sieg, der im Wege des dadurch gesteigerten Selbstvertrauens unmittelbar in Spielstärke umgemünzt wird. Dies so als Tenor des Gespräches mit dem langjährigen Mannschaftskollegen.
Flo wiederum zeigte sich, wie es seinem Naturell entspricht, unbekümmert. Es war deutlich zu merken, dass er, sollte er das Finale gegen wen auch immer erreichen, einfach nichts zu verlieren hat.
Für Alex war der Weg in das Endspiel, abgesehen von einer knappen Angelegenheit gegen R. Schiefi, eine gemähte Wiese. Die Gegner, die Flo auf dem Weg in das Finale aus dem Weg geräumt hat, lesen sich wie ein Who is Who (einiger) der prägenden Gestalten des Tennis im geliebten Heimatort in den letzten Jahren: Erich Lehner, Thomas Kellermayr, Michael Scheid, Martin Kinauer. Wobei aber gesagt werden muss, dass ausgerechnet einen Tag vor dem nunmehr zu beschreibenden Finale im Semi gegen M. Kinauer offenbar die schwächste Leistung gezeigt worden sein muss. Ich kann es nicht nachprüfen, weil ich wieder mal im Nachtdeanst festsaß und mich mit streitenden Patientinnen herumschlagen musste, die heftigst über die ausreichende Luftzufuhr und durch den Fensterspalt eindringende Gelsen debattierten.
In Kenntnis all dieser Vorzeichen stellte ich mich übernächtig wie man nach zwei Nachtarbeitsphasen nun einmal ist, auf die Tribüne der eben noch durch einen nachmittäglichen Regenguss noch langsamer gewordenen Anlage. Alex versuchte vergeblich, seinen Kontrahenten bei Erblicken dunkler Wolkentürme von der Notwendigkeit der Übersiedlung auf das schnelle Finklhamer Vlies zu überzeugen und ihn durch strenge Kommandos beim Einspielen etwas einzuschüchtern.
Zu Beginn der Begegnung wusste sich Alex einige Games abzusetzen, wobei allerdings Flo in allen verlorenen Spielen stets „anklopfte“. Dominierend war in dieser Phase die mächtig vorgetragene Vorhand meines vermeintlichen Titelaspiranten. Dennoch endete der erste Set im Tiebreak mit einem knappen Vorsprung des Alexius, begünstigt durch Flos ersten und einzigen Doppelfehler in der gesamten Begegnung.
Der zweite Satz war geprägt durch etwas nachlassende Sprungkräfte des „Weißen Riesen“ sowie der Bälle, ein Umstand, den Flo in ein rasches und solides 6:1 umzuwandeln vermochte.
Zu Anbruch des dritten Sets versuchten die wenigen bekennenden Fans des Flexpoint, in diesem noch letzte Kräfte zu mobilisieren. „Denk an Lentia“ war meine Parole, mit der ich versuchte, Erinnerungen an ein glorreiches, knapp gewonnenes und in der Wichtigkeit enorm bedeutsames Bezirksligamatch des Radicalen wachzurufen. Der Start des Satzes lief mit dem Aufschlag, wobei Flo das erste Break gelang. Die Körpersprache des diesjährigen Doppel-Champs verhieß nichts Gutes, das Ende einer Ära und zugleich der Beginn einer neuen brach sich Bahn.
In einer solchen matchentscheidenden Phase neigen ja bekanntermaßen Zitterer dazu, den vorerst eingeschlagenen und mutmaßlich zum Sieg führenden Pfad der Tugend zu verlassen. Weite Teile der Tennisgemeinde sind zu dieser Spezies zu zählen. Diese versaubeuteln den vor den Augen auftauchenden greifbaren Triumph durch haarsträubende Fehlerorgien und bauen den besiegt geglaubten Gegner noch einmal auf, was an eine geglückte Reanimation oder das „Aufganserln“ eines völlig ausgehungerten Tieres erinnert.
Nicht so der unbeirrbare Brunner-Bub: er blieb standhaft auf Kurs wie ein U-Boot der Seawolf-Klasse. Mit unbeschreiblichen Bewegungen strich er auch über mit erheblichen Geschwindigkeiten daherrasende Bälle des Gegners. Dies wirkte so, wie wenn es ihn überhaupt nichts anginge, wohin er das eigene Geschoss lenken wollte und wurde von der Beobachtung noch verstärkt, dass Flo kaum eine positive, geschweige denn negative emotionale Regung im gesamten Match zeigte. Selbst James Bond 007 wirkt dagegen wie ein aufgescheuchtes Huhn.
Diese scheinbare Wurschtigkeit und Leichtigkeit im Nehmen der Bälle ist meiner Meinung nach die Basis zum heurigen Sieg gewesen. Hier ein Versuch, dieses Phänomen zu beschreiben: die eintreffende Kugel wird vorwiegend bereits im Aufsteigen genommen, wobei es so aussieht, als werde sie nur seitlich und sohin beiläufig gestreichelt. Es ist nicht erkennbar, weder für Zuseher noch Gegner, ob daraus etwa ein aufgerissener Topspin oder ein an die Linie pfeifender Winnerschlag generiert wird. Erst, wenn quasi alles zu spät ist, ist man geneigt, diesem durch eine Tarnkappe geschützten Liniensegler Applaus zukommen zu lassen. Oder man klaubt den Ball, der eben erst mit enormem Backspin zum Stopball wurde, in der Nähe des Netzes auf.
Wollte man es physiologisch betrachten, so ist diese Handlungsweise vergleichbar mit den motorischen Impulsen eines in das Handgelenk ziehenden Hirnnerven: dieser Hirnnerv scheint im Bereich der vorderen Hirnrinde zu entspringen, nimmt ähnlich wie der Nervus Opticus visuelle Reize auf, wartet den entscheidenden Augenblick ab (Motto: wo steht der Gegner, wo tut mein Schlag am meisten weh?) und schleudert Befehle in das in der letzten Tausendstelsekunde über Ball und Gegner disponierende Handgelenk. Neurologen werden mich für diese Deutung verfluchen, ich lade aber jeden dieser Fachärzte ein, sich dieses Bewegungsmuster anzusehen. Auf ihre Deutung wäre ich gespannt. Flo selbst kann es nicht beschreiben, er selbst sagt, er wisse auch nicht, wie er das bewerkstelligen kann (oder will es nur nicht verraten!!).
Wie diese Ausführungen beweisen, kann man sich diesem –im wahrsten Sinne des Wortes schlagend gewordenen- Phänomen nur mit stümperhaften Vergleichen nähern. Was als Beweis für die großen Fähigkeiten und die permanent überraschende Kreativität selbst in extremster Defensive herhalten muss, ist der Umstand, dass Alex nur einen einzigen verwandelten Smash über den Zaun beförderte, was ihm sonst mit einem Dutzend an die Windschutzscheiben parkender Autos prallender Bälle gelingt.
Als ultimativer Coolheitsnachweis muss abschließend das letzte Game herhalten: bei 5:4 und eigenem Aufschlag mit mehreren lockeren Services zum 40:0, der erste Matchball als As ins innere Aufschlageck vorgetragen. Applaus brandet auf und ich verneige mich.