GESCHICHTEN UND GEDANKEN Teil 25


Neuropathologie oder: Wenn die Nerven blank liegen

 
Die Neuropathologie ist schon ein besonderes Fach innerhalb der Neurologie. Dies wird dadurch anschaulich gemacht, dass es selbst im großen Nachbarland Deutschland nur etwa einhundert Neuropathologen gibt.
Was hat diese Eingangsüberlegung mit einem Bericht über die abgelaufene Meisterschaftssaison zu tun, fragt sich wie immer die Leserschaft. Auch diesmal viel. Erinnert man sich rein an die Verläufe der einzelnen Begegnungen und an die erzielten Ergebnisse (vielfach 4:5), so wird man feststellen, dass die Nerven in der Tat blank lagen und so unisoliert wie sie sich darboten ein reiches Betätigungsfeld für den eingangs erwähnten Spezialistenkreis dargestellt hätten.
Zudem verdingt sich ja der Autor dieser kleinen Betrachtung in der Reha-Klinik Wilhering und kennt von dort beinahe alle neuro(patho)logischen Zustandsbilder aus dem ff.
Wie immer konzentriert sich der Autor auf die Phänomene, die bei der Einsermannschaft ins Kraut schossen. Unüberseh- und unüberhörbare Eskapaden der Zweier werden auch hier ihre Erwähnung finden, keine Frage.
In der ersten Runde reiste das A-Team zum vorher unbekannten Team ESV Westbahn Linz. Meine Person setzte sich an diesem Tag in die Gegenrichtung, nämlich nach Braunau am Inn ab, um meinem Neffen bei der Firmung als frierender, entgegen der landläufigen Volksmeinung nicht schwitzender Firmgöd, beizustehen. An diesem regnerisch-kalten Samstag stellten unsere Bezirksliga-Waffen bei den Einzeln auf 4-2, die Doppel mussten aufgrund des Regens nachgeholt werden. Vor diesen herrschte zurecht Skepsis, fehlten beim Gegner in den Einzeln doch der Zweier und der Sechser. Diesen Zweifeln wurde am 22.5. Recht gegeben: Einser- und Zweierdoppel kamen in deutlichen zwei Sätzen unter die Räder, das Dreierdoppel(!) Schosser-Sperer kämpfte mit asynchronen Leistungen in einem zähen Match, wobei im ersten Satz der etwa zehnte Satzball genutzt wurde. Die weiteren Sätze gingen -man möchte fast schon sagen natürlich- in Tiebreaks an den Gegner.
Diese erste Niederlage offenbarte die Schwäche der Buchkirchner Doppel, nämlich das Volleyspiel. Kam ein Gegner nach katzenhaft-rochierenden Bewegungen am Netz zum Ball, so war dies aus fast jeder Lage ein Punkt. Bei den Buchkirchnern konnte auch ein in Schulterhöhe antanzender Ball oft nichts zum Punktgewinn beitragen.
Die Zweier verlor an diesem Tag gegen den vermeintlichen Titelaspiranten aber schlussendlich Letzten UTC Wels, erraten: mit 4:5.
In der zweiten Runde gegen die uns wohlbekannten Marchtrenker setzte ich aus wegen dem zu erwartenden Duell gegen Andreas Kosel. Mit Schupfi-Mupfi gegen diesen deutschen Rohdiamanten braucht man sich nicht hinstellen. Ich räumte meinen Platz für Michael Scheid, welcher mit sportlichem Engagement und seinen tiefen Slicebällen einen guten Job erledigte und den zweiten Satz (und somit wohl auch den dritten) beinahe gewonnen hätte. Beiendruckend an diesem Tag die Leistung sämtlicher Hardhitter (Lehner, Schosser, Sperer, Floimair), wobei vor allen Dingen Flexpoint an diesem Tag seinen Gegner in Grund und Boden schoss (Motto: He, wir san do ned in da Oberliga!).
Ein ungewohntes Bewegungsmuster zeigte an diesem Tag Erich, welcher in seinem Match gegen Dominik Dörr auf seine ungeliebten Dunlop nur so drosch und seine trotz Niederlage ehrbare Leistung mit einem etwas ataktischen Beckerhecht krönte. Der in der Orthopädie ebenso bewanderte Autor und Krankenpfleger musste hier zugegeben ernsthaft an die Möglichkeit eines Oberschenkelhalsbruches denken.
Bewährte Doppel wurden an diesem Tag zerrissen, was auch nur einen Teilerfolg brachte, über den sich vor allem wieder Alex wie ein Schneekönig freute. Das Ergebnis: logisch, 4:5.
Die Zweite siegte an diesem Tag in Zipflzell mit 6:3.
In der dritten Runde kehrte ich mit alter Taktik ins Team zurück, wobei ich gegen den gleichaltrigen und wegen nachlassendem Haupthaar mit einem Fischerhut ausgestatteten Kochan bei ungewohnt strahlendem Sonnenschein einen letztendlich ungefährdeten Zweisatzerfolg an Land ziehen konnte. Die Truppe rund um den ambitionierten Tennismagister Andreas Hermüller präsentierte sich lediglich mit einem Legionär aus Gebieten jenseits der böhmischen Waldes und so konnte die Heimmannschaft, von gereckten Fäusten angestachelt, in jeder Phase der Begegnung gut mithalten, wobei am Ende zwei lächerliche Punkte den Ausschlag für die späteren Meister gaben.
Die Geschichten, die sich rund um diese Begegnung ereigneten, wären durchaus eine separaten Betrachtung zugänglich, sollen hier aber nur am Rande erwähnt werden. Insbesondere möchte ich hier über Hermüller den Stab brechen, der plötzlich im Doppel einen ebensolchen aus der Tennistasche holte, diesen auseinanderschob und mit ihm das Netz abmaß. Ebenso soll erwähnt werden, dass Andy Brunner am diesem Tag die Grillerei blechen musste, weil er im Vorfeld mit dem Stabschwinger aus Samarein gewettet hatte.
Was bleibt am Ende des Tages? Wieder ein 4:5, und ich spürte bereits latente Aggression in mir kochen. Da konnte sich die Zweier wenigstens darüber freuen, deutlicher verloren zu haben. Wolf trat bei Satzgleichstand beim ambitionierten Welser Turnverein ab, da der Gegner Tschautscher zwischen ersten und zweitem Aufschlag reinschrie und sich auch sonst wenig zuvorkommend auf dem Platz benahm. Zur Krönung spie der Welser Wüstling ein paar Mal seinen Mageninhalt auf den Platz. Die Doppel ließ man gleich ganz sausen, man strich sozusagen die Segel gegen die Flegel.
Runde 4 brachte einen der schönsten Tage seit Bestehen der Sektion. Die Einser kehrte mit einem 7:2 vom UTC Lentia zurück, wobei auch hier der Auftakt alles andere als überzeugend war: Christoph lag in seinem Einzel hoffnungslos zurück, und Alex erlebte eine Zitterpartie bis zum letzten Ball. Nach glücklicher Wendung marschierte ich zum Einzel gegen Kneidinger ein, der bedacht war, von der Grundlinie mitzuhalten und dann irgendwann auf den Punkt zu gehen. Entnervt aber nicht zu Unrecht verglich er mein Spiel mit Damentennis (Do spüt jo a Oide besser!), die Flucherei half ihm nichts und ich stellte weitgehend mühelos auf 5:1.
Der in der Schulter lädierte Kneidinger gab im Doppel w.o. und trug so ein weiteres Scherflein zu unserem ersten und einzigen Sieg in der heurigen Saison bei. Für Lentia war diese Niederlage der Anfang vom Ende in der Bezirksliga.
Die Heimfahrt war geprägt von einem über Linz und Leonding tobenden Unwetter, wobei Martin und ich im heckgetriebenen BMW 325tds mit schwach profilierten Reifen arg ins Schwimmen kamen.
Es war in Anbetracht dieser entfesselten Naturgewalten nicht zu glauben, dass auf heimischer Anlage noch gespielt werden konnte, wobei gerade das entscheidende Spiel von Chris Pühringer und M. Efko gegen das Eggendorfer Dreierdoppel im Gange war. Der Heimvorteil wurde gnadenlos ausgenutzt und so zogen etwa zwanzig Buchkirchner den Kreis um den Platz immer enger, um die Gegnerschaft de facto einzukranzeln und ihr so sprichwörtlich die Luft zum Atmen zu nehmen. Es gelang und man gewann ausnahmsweise einmal 5:4.
In besonders bestechender Form befand sich an diesem Tag der Non-playing-Captain Aulilehla, der dem Bier wohl etwas zu heftig zusprach und selbiges einem Gegner durchaus über das Neurocranium schütten wollte. Zwischen Neuro- und Psychopathologie ist scheinbar nur ein gradueller Unterschied.
Dieser schöne Tennisnachmittag fand seine Fortsetzung im schwitzigen Rahmen des „Fiore&Mattea“ bei die Geschmacksnerven aufs Äußerste reizenden Antipasti und vino rosso, zu Ehren des Dreißigers unseres ehemaligen Mitstreiters und später in die Landesliga aufgestiegenen Thomas Ilg.
Runde 5 brachte die Festgemeinde wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Am Hochzeitstag von Martin Schosser kam die Truppe vom Froschberg auf unsere Anlage, um ein 7:2 und somit drei Punkte in die Landeshauptstadt mitzunehmen. Ich fluchte, ruderte, schimpfte und rollte mich kunstvoll ab in meinem Einzel, doch es half nicht, meine Insuffizienz zu überwinden. Mein Gott, was ein paar Gewinnschläge im richtigen Zeitpunkt auf die Linie und die Übersicht am Platz ausmachen können. Insgesamt war in vier Matches die Chance auf einen Punkt da. Das letzte Doppel wurde bei strömendem Regen und schmierigem Untergrund zum abermaligen Schwanengesang im Championstiebreak, als Chris das Ruder an sich reißen wollte. Völlig zerstört von diesem Ausgang wälzte und suhlte ich mich in einer Lache, die sich auf der Tribüne angesammelt hatte. Die Zweier verlor an diesem Tag gegen Trauntal mit –erraten- 4:5.
In Runde 6 traf man wieder ohne die Schossersche Feuerunterstützung auf einen der vermeintlich leichteren Gegner: Traun. In meinem Einzel gegen Neumüller fühlte ich mich wie ein abgefahrener Sommerreifen auf schneeglatter Fahrbahn, so tief und „anders“ waren die dortigen Sandplätze. Auch waren die ins Spiel gebrachten Tretorn keine drucklosen Geschosse, sondern stinknormale Kugeln, womit natürlich auch keiner rechnete. Der bittere Zwischenstand: 0:4, und auch Michael Scheid war in seinem Einzel schon mit 0:6, 0:1 im Hintertreffen, als plötzlich seine Taktik griff und er das Match vollkommen umdrehen konnte. Florian spielte, obwohl im Angesicht eines seiner Professoren scherzeshalber vom „Nachzipf“ bedroht, groß auf und holte einen zweiten Punkt.
Am auffälligsten war während der gesamten Begegnung ein sich in der unmittelbaren Nachbarschaft austobender, gut fünfzehn Mann zählender Bautrupp, der offenbar in Militäranlagen auf dem Balkan seine Erfahrungen gesammelt hatte. Man schoss mit der berüchtigten AK-47-Nagelpistole, stemmte und sägte am Ast, auf dem man saß. Kurzfristige und dramatisch aussehende Abstürze eines Kollega durch die Dachsparren wurden schlechterdings ignoriert und die Arbeiter, ohne mit der Wimper zu zucken, setzten ihr nervenzersägendes Werk fort.
Nach dem Doppel war der wichtige Punkt da und man reiste, mit einem blauen Auge davongekommen, auf die heimische Anlage zurück, auf der das B-Team den späteren Zweiten Lambach mit 6:3 besiegen konnte.
Aufgrund meiner auf zu schwaches weil einfallsloses Tennis zurückzuführenden Niederlage im Einzel zeigte ich abermals ein Symptom aus der klinischen Psychologie, das man am besten mit dem Schlagwort Soziopathie (gekennzeichnet durch geringe Frustrationstoleranz und Missachtung sozialer Normen) umschreiben könnte. Mehr dazu gibt es nicht zu sagen.
In Runde 7 traf man die aus vielen Begegnungen bekannten Recken des ESV Wels, die gegen uns einen Dreier hätten schreiben müssen, um in der Bezirksliga zu verbleiben. Uns wiederum genügte ein Punkt, um dieses Ziel zu erreichen. Auch ohne den eben aus Norwegen zurückgekehrten Martin eine lösbare Aufgabe.
Vor diesem Duell hatte ich eine anstrengende Arbeitswoche bei hohen Temperaturen und großteils rehaunfähigen Patienten hinter mich zu bringen, was sich bereits beim Einspielen in Wadenkrämpfen bemerkbar machte. Im übrigen hingen an diesem Tag bei mehr als dreißig Krügeln im Schatten Heimmannschaft wie Gäste auf der Tribüne herum wie Ballone, die einen Teil ihrer Gasfüllung eingebüßt haben.
So plätscherte diese Partie ohne nennenswerte Highlights dahin und bescherte uns mit der nächsten 4:5-Niederlage den für den Verbleib notwendigen Punkt. Interessanter war das parallel laufende WM-Spiel Deutschland-Argentinien.
Zu meinem Einzel gegen den ehemaligen Einser Oliver Zörner gibt es nur soviel zu bemerken, als die Kugeln nur so hereinhagelten, wofür sich der Meister seines Faches auch noch entschuldigte. Mit kräftigem Topspin gewürzt traf er auch durchaus häufig die Linie, um den Spaßfaktor für den hoffnungslos Unterlegenen noch weiter zu erhöhen. Erreichbare Bälle spielte ich meist in Schulterhöhe und war froh, als das Match und die Saison für mich vorbei waren.
Die Zweite kehrte an diesem Tag mit einer bedeutungslosen Niederlage im Gepäck aus Sattledt zurück.
Was bleiben nach dieser Saison für Eindrücke, welche Schlüsse können für die Zukunft gezogen werden? Es war eine Saison, die von zahlreichen Mannschaften geprägt war, die sich auf Augenhöhe begegneten. Es fehlten die absoluten Top-Mannschaften wie wir sie früher mit Enns, Sierning, DSG usw. hatten, aber auch die aus dem Vorjahr bekannten Prügelknaben. Sich in dieser Region letztendlich klar zu behaupten, war auf jeden Fall ein Positivum in der abgelaufenen Saison. Schlüssel dazu waren zugegeben die knappen Niederlagen gegen fast alle der vor uns platzierten Mannschaften, sodass sechs Niederlagen bei nur einem Sieg für den Klassenerhalt ausreichten.
Was bleiben will, muss sich ändern. Für die nächste Saison plane ich als Conclusio den Ausstieg aus der Ersten. Zum einen kann ich eine negative Saisonbilanz (2 Siege bei 3 Niederlagen) nicht verkraften, andererseits setzt mir die Heberei von in Summe tonnenschwerem, tetraplegischem Patientengut derart zu, dass ich an Samstagnachmittagen nur noch in Ausnahmefällen meine optimale Leistung bringen kann. Der unregelmäßige Trainingsrhythmus verbunden mit den langen Regenperioden im Frühjahr verhindert zuverlässig, dass ich in die erhoffte Verfassung komme. Da lasse ich mich sogar lieber in der Zweier auf Eins abschlachten und bin Platzhalter, sodass der Kader hinten hinaus nicht zu dünn wird.
Die Erste soll mit dem Personal, das tempomäßig mit sämtlichen Protagonisten der anderen Teams mithalten kann, antreten sowie mit dem hoffnungsfrohen Nachwuchs, der seine Bewährungsproben abliefern soll. Die Doppel mögen irgendwie stärker werden.
Nachdem ich nach über einem Jahrzehnt in der Ersten, schwach wie ein Kätzchen, zu alldem nicht mehr beitragen kann, gehe ich ins Ausgedinge.