Geschichten und Gedanken Teil 24

Open- Offene Gedanken zur Agassi-Selbstbezichtigung



Ein völlig neues Projekt wird mit diesen Geschichten und Gedanken lanciert. Es soll versucht werden, das Buch OPEN, also die Andre Agassi-Autobiographie, in der gebührenden Ausführlichkeit zu besprechen. Schon dies ist per se für die Geschichten und Gedanken ein Novum.

Damit nicht genug: Der Autor dieser sohin neuartigen Betrachtung hat sich für dieses Elaborat einige Selbstreglementationen auferlegt: als grundlegenden self-restraint versuchte er, das Buch, das sich seit Weihnachten durch Schenkung in seinem Eigentum befunden hat, nach Möglichkeit vor Beginn der Auswinterungsarbeiten zur Tennissaison 2010 nicht anzurühren. An langen, kalten Winterabenden gelang dies freilich nicht immer, also wurde beispielsweise beim Aufblitzen des Namens Muster die entsprechende Seite aus brennendem Interesse heraus sogleich verschlungen. Der Autor begnügte sich aber doch mit etwa zwanzig Seiten als Appetithappen. Dieses Schnuppern war im Grunde nicht mehr als die im Februar durchgeführte vorsichtige einstündige Probefahrt im (fast) neuen Audi A4 2,0 TDI e. Erstaunt musste er zudem feststellen, dass das Buch von anderer Seite (bald: besserer Hälfte) trotz seiner 590 Seiten in wenigen Tagen gelesen wurde.
 
Als der hiesige Autor am 24.3.2010 dazu schritt, erste Auswinterungsarbeiten durchzuführen, fasste er den Entschluss, die ausstehenden 30 Seiten von Hermann Hesses „Demian“ am selben Tage noch zu lesen, um am darauffolgenden Tag mit empfangsbereiten Antennen die Lektüre des ersehnten Schinkens endlich vom Zaune brechen zu lassen. Betont langsam ließ er den Wälzer fortan auf sich wirken und transformierte geeignet erscheinende Passagen gleich zu Teilen der nun vorliegenden Abhandlung. Mit den ersten tennisbezogenen Tagen des Jahres 2010 ist diese reif für die Publikation.
 
Kaum ein anderes Buch hat im an sich literaturskandalfreien Jahr 2009 so viel Staub aufgewirbelt wie das Selbstportrait des ehemaligen Tennisvirtuosen und einstigen schrägen Vogels Andre Agassi. Von Drogenbeichten wusste die Boulevardpresse alsbald zu berichten, von Details aus den medienwirksamen Liaisons und haarigen Problemen des bärtigen Vorhandprüglers ganz zu schweigen.
 
Ziel meines Berichtes soll es sein, diese boulevardeske Seite völlig außen vor zu lassen und auf das einzugehen, was mich als begeisterten Beobachter der Tennisszene und als klammheimlichen Fan des Amis über die Jahre interessiert hat, nämlich vordergründig:
 
Wie reift in einem der Wunsch, Profisportler zu werden? (oder ist dieser Befund nur so etwas wie die zwangsläufige Folge aus einer unerfreulichen weil drillreichen Jugend?)
Wie kann das Leben im Rampenlicht und unter dem Gebot körperlicher Höchstleistung ein lebenswertes bleiben oder wirkt es völlig zerstörend auf Physis und Psyche?
Was motiviert einen nach Abstürzen, nicht nur in der Weltrangliste, und vernichtenden Niederlagen, von neuem durchzustarten?
Wie sieht ein Profitennisspieler die Gegnerschaft?
 
Auf den nun folgenden Seiten sollen diese Themenkomplexe ineinander übergreifend abgearbeitet werden, belegt mit Zitaten aus dem Buch, wobei diverse Eskapaden und Kuriosa auch nicht verschwiegen werden sollen. Dafür stehe ich mit meinem guten Namen.
Generell präsentiert sich dieses Werk von der Sprache her amerikanisch-knackig, plastisch, ohne reißerisch zu werden. Der Spieler mit der besten Auge-Hand-Koordination versteht es, den Leser mit seiner ureigenen Geschichte zu fesseln, letzterer freut sich auf das nächste Kapitel förmlich wie eine „Obersandratte“ auf eine bevorstehende Grundlinienrallye am Court Susan Langlen.
 
Die Gabe, sich präzise auf längst zurückliegende Sachverhalte minutiös zu erinnern, wird ja gerne dem Autor der Geschichten und Gedanken nachgesagt. Ganz außerordentlich ist diese Fähigkeit beim Amerikaner ausgeprägt, der nach Jahrzehnten den Ablauf gewisser Ballwechsel bei bestimmten Spielständen detailgenau wiedergeben kann, getreu dem Motto: „Anders als bei meiner Tennistasche habe ich keine Kontrolle darüber, was in meinem Gedächtnis haften bleibt. Alles geht rein, und nichts scheint daraus wieder zu verschwinden.“
 
Warum ist der für die Schrei(b)erei verantwortliche Schupfi-Mupfi-Banause eigentlich stets ein heimlicher Anhänger des charismatischen Hardhitters gewesen? Mehrere Gründe hiefür können ins Treffen geführt werden. Zunächst musste Agassi zwangsläufig dank seines rebellischen Aussehens ein Vorbild für die nacheifernde Jugend sein. Als weiteren Grund möchte ich anführen, dass es der Spross eines iranischen Boxers es immer verstanden hat, nach aussichtslosen Situationen im Match oder in der Weltrangliste (bis unter Position 140) über enormen Kampfgeist und herausragende Schnelligkeit sympathischerweise von der Grundlinie aus eine Trendwende einzuleiten, ohne dabei der begnadete Virtuose vom Schlage eines Pete Sampras oder Roger Federer zu sein. Die gegen ins Feld geführte Angriffe messerscharf geführten Konter waren das mich besonders beeindruckende Erkennungsmerkmal des Mannes aus Las Vegas. Dies war vor allen Dingen Ausfluss der väterlichen Kampfphilosophie: „Mein Vater hat eine spezielle Bezeichnung für diese Konträrstrategie. Er nennt sie dem Gegner zusetzen, bis sein Gehirn Blasen wirft...Er macht aus mich einen Boxer mit einem Tennisschläger in der Hand. Und im Gegensatz zu den meisten Tennisspielern, die sich vor allem mit ihrem Aufschlag brüsten, macht er aus mir einen Counterpuncher - einen Returnspieler.“
 
Zudem lagen mir die von ihm verwendeten Rackets auch immer gut in der Hand, der Donnay Pro One und beinahe sämtliche Evolutionsstufen des Head Radical, natürlich stets in der handlicheren 630-er Variante und nicht in der vom Meister gespielten Oversize-Bratpfannen-Unform.
 
Und dennoch: das Buch ist keine Glorifizierung seines Repertoires oder seiner Möglichkeiten, im Gegenteil, er geht immer wieder mit sich hart ins Gericht und berichtet über seine Fähigkeiten nüchtern-distanziert. Somit stehen wir gewissermaßen vor der bedeutendsten Wurzel allen Übels, der Jugendzeit. Einige Zitate sollen den Einstieg in den ersten Themenkomplex erleichtern:
„Während ich mich vor dem Badezimmerspiegel abtrockne, betrachte ich mein Gesicht. Gerötete Augen, graue Bartstoppeln- ein ganz anderes Gesicht als das, mit dem ich angefangen habe...Wer immer ich auch sein mag, ich bin nicht der Junge, der zu dieser Odyssee aufgebrochen ist...Ich bin wie ein Tennisschläger, dessen Griff ich viermal und dessen Bespannung ich siebenmal ausgewechselt habe - kann man da noch behaupten, dass es sich um denselben Tennisschläger handelt?..Ich sehe den goldblonden Jungen, der Tennis nicht ausstehen konnte, und frage mich, was er wohl von dem glatzköpfigen Mann halten würde, der Tennis nach wie vor hasst und dennoch weiterspielt. Wäre er schockiert? Amüsiert? Stolz?“
 
Aus diesem ersten Einstieg wird klar, dass es für den Tennisgiganten eher eine von Jugend an aufoktroyierte Tätigkeit denn ein lukratives und launiges Hobby war. Auf diesem Gedanken aufbauend, biete ich folgende Sequenzen an:
„Aber ich kann nicht aufhören. Nicht nur, weil mein Vater mich mit meinem Tennisschläger durchs Haus prügeln würde, sondern weil etwas tief in mir drin, ein unsichtbarer Muskel, es nicht zulässt. Ich hasse Tennis, hasse es von ganzem Herzen, und doch spiele ich weiter,... weil mir nichts anderes übrigbleibt...Jetzt gerade richtet sich mein Hass auf Tennis gegen den Drachen, eine von meinem feuerspeienden Vater abgewandelte Ballmaschine...Ich fühle mich winzig, hilflos.“
 
Die eigentliche Triebfeder des vielfachen Grand-Slam-Siegers war also der väterliche Perfektionswahn. Sein Vater, ein aus dem Iran eingewanderter, stets cholerischer und gewaltbereiter Boxer (seines Zeichens Olympiateilnehmer in London 1948 und Helsinki 1952), stand für Schliff und Disziplin und ließ den kleinen Andre Tausende Bälle am Tag schlagen, da er die Auffassung vertrat, dass ein Kind, das es im Jahr auf eine Million geschlagene Bälle kommt, im Endeffekt unbesiegbar sein werde. In diesem Übereifer blieb nicht einmal Zeit, die am Platz liegengebliebenen Bälle beizeiten zu beseitigen und so die Verletzungsgefahr zu minimieren, was diese Trainingsmethode natürlich zu einer Zumutung und Frechheit in meinen Augen stempelt. Nach dieser Zeit des intensiven väterlichen Strebens waren die übernommenen Denkschemata soweit als Schablonen verinnerlicht, dass Agassi nur mehr konstatieren kann: „Warum ich das getan habe? Weil ich keine andere Wahl hatte. Der Grund für alles, was ich tue.“ Selbst in späteren Jahren, mit einem in die Trachea geschobenen Tubus, schreibt der Vater auf einen kleinen Zettel: „York your volley“ in gebrochenem Englisch, der Sohn möge doch noch am Volley arbeiten.
 
Alsbald fand sich der derart grob behauene Rohdiamant zum vermeintlichen Feinschliff in den Fängen des Kapazunders Nick Bolletieri wieder. In diese Zeit fiel bei Agassi das aufkeimende Rebellentum, wobei die äußerlichen Veränderungen weniger auf inneren Antrieb des Jungspundes zurückzuführen waren, als vielmehr reaktive Emanzipationen auf den strengen Dienstbetrieb des Schleifers darstellten.
 
Als zweiter Teil dieser Arbeit möge nun die Untersuchung anstehen, inwieweit Agassi das Leben im Rampenlicht Vergnügen bereitete oder eher mit Kampf und Schmerz verbunden war. Dieser Befund fällt nach Lektüre dieses Buches eindeutig aus. Tennis war für den Amerikaner wie gesagt immer eine verhasste Tätigkeit. Dieser Offenbarungseid war für ihn auch der eigentliche Grund, seine Biographie zu Papier zu bringen. Er hätte mit dieser Lüge nicht mehr leben können, meint der Gatte von Steffi Graf.
 
Dennoch vermochte dieses Tun eine Art von Sog auszuüben, er war heiß auf diese Art von Schmerz, die nur Tennis ihm geben konnte. Es ist so, sagt er, wie im Film Shadowlands: „Schmerz ist Gottes Megaphon, mit dem er eine taube Welt aufrüttelt. Er sagt: Wir sind Granitblöcke, und die Schläge des Meißels, die uns solche Schmerzen bereiten, sind das, was uns vollkommen macht.“ Körperlich (vor allem Rücken, Handgelenk) empfundener ist dabei gleichzuhalten mit dem durch die Öffentlichkeit und dem durch den Hang zum Perfektionismus ausgelösten, psychogenen Schmerz.
 
Als besonders quälend schildert dabei der vielfache Grand-Slam-Sieger die medialen Attacken, wenn nachlassende Leistung auf neue Frisur-, Outfit- oder Brusthaareskapaden des Gescholtenen trafen. Der Schmerz tiefsitzender Niederlagen (vor allem in der Zeit, als er vier Majors-Finali versemmelte, bevor er in Wimbledon 1992 endlich gegen Ivanisevic triumphieren konnte) bohrte länger in seinem Herzen als die Freude über gewonnene Turniere anzudauern vermochte. Selbst der Sturm auf die oberste Position der Weltrangliste verursachte in seinem Innersten nicht viel mehr als ein Gefühl der Leere. Diese Bekenntnisse sind für mich ein Überraschungsmoment in diesem Buch.
 
Weitere Folge der medialen „Aufmerksamkeit“ war eine Art von Derealisation. So schreibt er: “Ich blicke in meine Tribünenbox hoch, und da sitzt Barbra Streisand in einem Blitzlichtgewitter. Ich denke: Ist das wirklich mein Leben?“
 
Wichtig war für Agassi nach all den Erfahrungen mit Brachialtrainern und reißenden Medien-Hyänen daher immer das Funktionieren des engsten Umfeldes. Diese Personen, und dies gibt Antwort auf die dritte gestellte Frage, waren für ihn stets die Retter in der Not. Diese Personen, die er die großen Quellen seiner Stärke nennt, waren Steffi Graf und sein Fitnesstrainer Gil Reyes, den er seinen Leibes- und Lebenswächter nennt. Ohne Zuspruch verharrte der transiente Junk-Food-Verschlinger bisweilen in den Fängen einer gewissen Untergangssucht, mit Amphetaminen und Alkohol als weiterem Treibstoff.
 
Der letzte Teil der Abhandlung soll sich mit dem Umgang mit dem Mitbewerb auseinandersetzen. Es ist wohl eine logische Konsequenz aus der Auffassung des Paradiesvogels, Tennis sei für ihn eine hasserfüllte Tätigkeit, dass auch die Einschätzung seiner Gegnerschaft alles andere als schmeichelhaft ausfällt. So sei sein Erzrivale Boris Becker stets arrogant gewesen, habe Brooke Shields am Tennisplatz Küsse zugeworfen. Pete Sampras sei ein Knauser, der bei allem Reichtum über einen Dollar Trinkgeld nicht hinauskäme. Jeff Tarango sei ein Schummler, was er ihm nie und nimmer verzeihen könne, seit er ihm in Jugendtagen einen Ball aus gegeben habe. Jimmy Connors gebe sich distanziert und unfreundlich. Jim Courier habe ein Aufmerksamkeitsproblem und Michael Chang, dem er böse ist, weil er 1989 Paris gewonnen hat, solle sich nicht mit Gott gegen seine Opponenten verbünden. Wenig Erquickliches von einem Mann, der auch schreiben hätte können, wie privilegiert sein Leben verlaufen, welche Menschen er Kraft seiner Popularität kennenlernen durfte, welche Positiva er an ihnen entdecken konnte. Derartiges wird nur seinem nächsten Umfeld zuteil. Berichte über die Gegnerschaft fallen bestenfalls nüchtern oder anmaßend aus. Erst seit der Jahrtausendwende scheinen Niederlagen nicht mehr zu schmerzen, hat der bekennende Pyromane (wahrscheinlich war sein Privatjet deshalb mit einem brennenden Tennisball geschmückt) mit sich selbst Frieden geschlossen und sein soziales Engagement entdeckt.
 
Kulminationspunkt des lodernden Ehrgeizes wird das Jahr 1995, das kurzerhand zum „Jahr der Rache“ umfunktioniert wird, alles wird auf ein potentielles Duell mit Boris Becker hin optimiert, den er seit Wimbledon noch weniger ausstehen kann. Mit Brad Gilbert hatte er in der Zeit natürlich auch den richtigen Mann als Trainer an Bord geholt, mit dessen Philosophie des „Winning Ugly“ konnte die Blume des Hasses selbst im kargen Las Vegas prächtig gedeihen. Selbst als die Mission erfüllt, also Becker in New York besiegt ist, reißt ihn die US-Open-Niederlage gegen seinen ewigen Mitstreiter Pete Sampras in ein Loch, aus dem er sich etliche Monate nicht befreien kann.
 
Auch mit Thomas Muster wusste der US-Amerikaner manchen Strauss auszufechten. Dies soll auch als Übergang zu dem Teil verstanden werden, in dem der Autor kuriose Begebenheiten aus der langen Karriere der „Primadonna“ sammelt. 1994 bei den French Open prallen die beiden bereits in der zweiten Runde aufeinander, wobei Muster das Fünf-Satz-Duell denkbar knapp gewinnt. Dies bemüßigt den Steirer dazu, dem Unterlegenen mit den Worten „Nice try!“ auf den Kopf zu greifen, wohl um die Haltbarkeit des unter der Nike-Kappe befindlichen Toupets zu testen. Weniger aus sportlichem Anreiz als aus Rachsucht heraus schwor sich Agassi gegen den blonden Stöhner nicht mehr zu verlieren, was ihm bis zum Ende der Karriere auch stets gelang.
 
Überhaupt häuften sich die Ärgernisse, die das Toupet die Jahre über mit sich brachte. Einmal setzte ihm die Wahl des falschen Shampoos gehörig zu, und dies ausgerechnet vor dem French-Open-Finale 1990. „Totale Katastrophe, sage ich zu meinem Bruder Philly. Sieh dir mein Toupet an! Er untersucht es. Das können wir festklammern, sagt er. Womit denn? Mit Haarklammern. Er sucht ganz Paris nach Haarklammern ab, aber es ist zwecklos. Er ruft mich an und zetert: Was ist das für eine Scheißstadt? Warum gibt es hier keine Haarklammern? In der Hotellobby läuft er Chris Evert über den Weg und bittet sie um ein paar Haarklammern. Sie hat keine. Sie will wissen, wozu er sie braucht. Er gibt keine Antwort. Schließlich findet er eine Freundin unserer Schwester Rita, die einen ganzen Beutel voll Haarklammern hat. Er hilft mir, das Haarteil wieder zu richten und zu befestigen, wozu er nicht weniger als zwanzig Haarklammern braucht.“ Klar, dass irgendwann der Wunsch kam, sich von den Zotteln zu befreien und die ungeliebte Haupt-Sache endgültig einzumotten.
 
Die folgende Geschmacksverwirrung kann nur durch die Einnahme von Chrystal Meth erklärt werden:
„In meinem ersten Match in Wimbledon 1993 auf dem Centre Court spiele ich gegen Bernd Karbacher, einen Deutschen mit dichtem Haar, an dessen Frisur während des ganzen Matches keine Strähne verrutscht - was mich natürlich ärgert. Alles an Karbacher scheint darauf ausgelegt, mich abzulenken. Einerseits sieht er beneidenswert gut aus, andererseits hat er O-Beine. Er hat einen Gang, als würde er nicht nur den ganzen Tag im Sattel verbringen, sondern als wäre er gerade von seinem Pferd gestiegen, und zwar nach einem langen Ritt, bei dem er sich den Arsch wundgesessen hat. Sein Stil ist entsprechend. Seine Rückhand ist enorm stark –eine der besten-, aber er setzt sie ein, um nicht rennen zu müssen. Er kann es nicht ausstehen zu rennen. Er hasst es, sich bewegen zu müssen. Manchmal kümmert er sich auch nicht um seinen Aufschlag. Normalerweise hat er einen aggressiven ersten Aufschlag, aber sein zweiter ist ziemlich schwach. Mit meinem angeknacksten Handgelenk habe ich auch Probleme mit dem Aufschlag. Ich muss meine Technik ändern, darf nicht weit ausholen und muss plötzliche Bewegungen vermeiden. Das macht mir natürlich das Leben schwer. Im ersten Satz liege ich ganz schnell mit 2:5 hinten.....Aber ich halte durch bis zum Sieg. Karbacher schwingt sich aufs Pferd und reitet von dannen.“
 
Kurz nach dem Outing der Beziehung Agassi-Graf treffen sich die Väter der beiden Tennisstars in Las Vegas und besichtigen das einstige Trainingsgelände des Amis. Prompt wird die oben beschriebene Ballmaschine angeworfen und die Väter unterhalten sich über die richtige Durchführung diverser Schläge, wobei der gräfliche Slice natürlich kein gutes Zeugnis erhält und vonseiten Mike Agassian behauptet wird, bei Erlernen der beidhändigen Rückhand hätte Graf ein Vielfaches der Grand-Slam-Titel erreichen können. Dies bringt den nicht unbescholtenen Peter Graf derart in Harnisch, dass er sein Hemd ablegt und schattenboxend um den Iraner herumtänzelt. Andre wirft sich zwischen die beiden Streithanseln, stellt die leidbereitende Ballmaschine ab und zischt danach einige Tequilas.
 
Unter dem Strich präsentiert sich das bearbeitete Werk also als absolutes Muss für jeden Tennisfan, der etwas unter die Hochglanzoberfläche des Weißen Sports auf Spitzenniveau schürfen will. Zudem ist es meiner Meinung nach eine Abrechnung und höchst freiwillige ehrliche Beichte in Zeiten, in denen von anderer Seite aufgedeckte Ausrutscher der Celebrities in allen Medien ausgeschlachtet werden, von den beinahe alltäglich scheinenden Drogenkonsumationen bis hin zu Details aus dem Privatleben, die der Öffentlichkeit besser bis ans Ende aller Zeiten verborgen bleiben sollten. Wollte man einen Skandal entdecken, so am ehesten eher darin, wie er auf der einen Seite das mediale Verbreiten seiner Charakterschwächen verurteilte, andererseits aber genau dasselbe über weite Strecken in diesem Buch mit seinen Mitbewerbern anstellt. Bei aller Freude, die mir die Lektüre bereitet hat: ein schaler Nachgeschmack bleibt und ist nicht zu leugnen.