Geschichten und Gedanken Teil 23

Reflexionen über fünf lukullisch-dionysische Reisen

 

 
Vorweg: Willkommen im neuen Jahr! Ich möchte meiner erlauchten Leserschaft auf diesem Wege die besten Wünsche für 2010 entgegenbringen.
Es ist im Grunde schwer zu glauben: mittlerweile sind bereits fünf Winterwanderungen der Sektion Tennis über die Bühne gegangen. In Schriftform gepresste Gedanken sollen in den folgenden Absätzen die Interessierten an die Highlights dieser Unternehmungen erinnern.
Wenn einer eine Reise tut, so kann es was erzählen, weiß der Volksmund. Machen sich partout mehrere Dutzend Gleichgesinnte an lauschigen Winterabenden in umliegende Gasthäuser auf, so ist dies per se schon ein geogastronomischer Gewaltmarsch. Erzählungen und Memorabilia werden solcherart Legion und sollen in dieser Übersicht auf den kleinsten, natürlich wie immer streng subjektiven Nenner gebracht werden:
Im Spätherbst 2005 erfolgte die erste Expedition in den äußersten Norden von Wels, zum Wirt in der Roith. Diese Reise stellte vom Ambiente her die Maximalvariante der Erfüllung aller denkbaren, positiv konnotierten Stimmungsparameter dar: bereits auf dem Weg zum Wirten begleitete uns leichter Schneefall. Angekommen in der Roith wurden wir in die Gaststube geleitet, in der das Motto des Deutschen Sportfernsehens in die Realität umgesetzt schien: „Mittendrin statt nur dabei“. Begünstigt durch die in der althergebrachten Stube verwirklichte, grenzgeniale Sitzverteilung war es dem Besucher unmöglich, sich der Interaktion mit den anderen zu entziehen. Bei Bradl in der Rein lauschte man den Erzählungen der übrigen Teilnehmer, brachte sich selbst mehr oder minder geordnet mitunter auch durch Ansprachen ein, beobachtete und belauschte das sonore Lachen einer der letzten Wirtshaus-Koryphäen (Gott hab ihn selig) und verlebte fröhliche Stunden.
Im darauf folgenden Jahr begab man sich über die gefürchtete Gronall-Route zum Bachleitner nach Finklham. Gefürchtet insofern, als die Buchkirchner Alljahresspieler Jahr für Jahr mit Nebel, Schnee, Rehen und sogar Bäumen am GOIN-Berg konfrontiert werden und auch sonst einiges dazu beitragen, die Reaktionsfähigkeit auf dieser meist spät in der Nacht angesetzten Sonderprüfung nicht gerade zu steigern. Unterm Strich erschien mir diese Weihnachtsfeier doch etwas durchwachsen: vor der Verpflegung her zwar auf höchstmöglichem Niveau stehend, konnte meiner Ansicht nach das Ambiente nicht vollends überzeugen. In dem langen Schlauch, in dem wir Quartier bezogen hatten, wollte keine rechte Stimmung im Kollektiv aufkommen, zu grüppchenweise sortiert saß man da. Erst- und zugleich letztmalig spürte ich nicht einmal die Motivation für eine Ansprache. Als größte Sensation dieser Winterreise empfand die Majorität der Teilnehmer den Umstand, dass sich der sonst eher solistisch, ja sogar solipsistisch agierende Pokergott Toni in diesem Jahr nicht alleine auf diese lange Wegstrecke, sondern sich mit einer großen Blonden auf die Socken machte.
Die Wintersemester 2007/2008 sowie 2008/2009 brachten die jeweils gleiche Route und denselben Wirt ins Rampenlicht, folgten von der Intention her allerdings unterschiedlichen Konzepten. Während das Event 2007 als klassische Weihnachtsfeier in die Annalen einging, wurde für das beginnende Jubiläumsjahr 2009 das Fest auf den 3. Jänner verlegt, um ersteres auf diese Art und Weise gebührend einläuten zu können. Für dieses Fest spielte die Zahl DREI ohnedies eine entscheidende Rolle: Mit der DREI in die DREISSIG so der zugegeben nicht unholprige Slogan dieser Veranstaltung. Manch cleverer Geschäftsmann wollte naturgemäß sogar den Mobilfunkanbieter DREI solcherart an Land ziehen, was aber im gesamten Jahresverlauf keine weitere Bestätigung fand. Gemeinsam war diesen Veranstaltungen also der Weg, der kein leichter sein wollte: durchs Ortsgebiet hin zum Paullehner, dann auf schrägen Feldwegen über den Bauernberg fast bis Mitterlaab, in Sinne einer unpolitischen, aber harten Wende nach links dann am Brunner vorbei zum Günschi. Dieser völlig zu Unrecht unterschätzte, weil das Licht allzu sehr unter den Scheffel stellende Gastronom wartete zweimal mit einem Buffet der Extraklasse auf sowie mit einer Räumlichkeit, die für unsere Ansprüche völlig maßgeschneidert erschien. Etwas zu hypertroph waren da nur die überflüssigen Reaktionen einer lautstarken Friseurin, die in über den Rücken des oben angeführten Geschäftsmannes geschütteten eiskalten Getränken ihren –im wahrsten Sinne des Wortes- Ausfluss fanden.
Für die diesjährige Winterwanderung erlaubten wir uns das zugegeben nicht unumstrittene Konzept der Jahresanfangsreise beizubehalten. Wir, vulgo der Vorstand, halten an dieser Überlegung insofern fest, als die scheinbar so friedvolle Vorweihnachtszeit durch die neuzeitige Begehung derselben sehr von beruflicher Hektik, Stress in Konsumtempeln und unnötigerweise kommerzialisierten Achten Dezembern geprägt ist. Durch die von vielen sogar widersinnigerweise als Belastung empfundene Häufung von Weihnachtsfeiern in dieser Zeitspanne, ist es uns mittlerweile zum Anliegen geworden, stattdessen die „tote“, sprich von etlichen als rigoros ereignislos empfundene Zeit zwischen Jahreswechsel und Faschingshöhepunkt, wenigstens mit einem Event sinnvoll zu bereichern. Der SPÖ-Ball vermag als müder Jahres-Aufgalopp ob seiner miesen Stimmung dieser erhoffte Lückenfüller definitiv nicht zu sein, symbolisch für die Depression einer ganzen politischen Richtung, und es schadete auch nicht, diesem durch unsere parallele Ansetzung weitere Gäste abzusaugen.
Im Vorfeld herrschte aus mehreren Gründen Unsicherheit unser Vorgehen betreffend: erstens, ob dieses Wirtshaus überhaupt noch geöffnet habe, und zweitens, ob der Weg dorthin sich nicht doch als zu lange entpuppen könnte. Diese Zweifel wurden jedoch im wesentlichen zerstreut durch die von meiner Person durchgeführten Sondierungsgespräche bereits Monate vor der Veranstaltung sowie schlechterdings mit der Argumentationslinie: wer gehen will, der geht sowieso, die nicht Wetterfesten sollen mit dem Auto hinkommen. Außerdem ist der Weg etwa gleich lang wie der anno 2006 zum Bacchus. Punktum.
Und so machte sich die am Tennisplatz versammelte Kohorte am 9.1.2010 erstmals in die Unterscharten auf. Vorbereitet von bis auf die Winkelsekunde genauen Wanderkarten sowie gestärkt von geistigen Getränken und noch hochgeistigeren Gesprächen, setzte sich der Zug um exakt 17.38h in Bewegung. Bis Epping folgte der Weg mir nachvollziehbaren Konzepten, danach trieb die blinkende Führungshündin Fanny das Teilnehmerfeld über steile Geländestufen auf- und abwärts, was manchem trotz des stimmungsvollen Schneefalles und der niedrigen Temperaturen die Schweißperlen ins glühende Gesicht jagte. Dank forcierten Schrittes konnte das erhoffte Ziel bereits eine knappe Stunde nach dem Abmarsch erreicht werden. In der klassizistischen Gaststube labte man sich alsbald an den bereitgestellten Fleischtöpfen und bewunderte die unfreiwillige Erstvorführung des berüchtigten Kraut-Katapultes durch den Asketen Albin A.. Letzterer brachte mich im überfüllten Golf III dankenswerterweise nach Hause, andere wiederum machten sich per pedes auf den Heimweg.
Und so bleibt nur zu hoffen, dass jeder von dieser Reise etwas an positiv interpretiertem Gefühl für das kommende Jahr, vielleicht sogar Jahrzehnt, mitnehmen kann.
 
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Jeder tut’s auf seine Weise (Rammstein)