Geschichten und Gedanken Teil 44

Geplatzte Bälle und geplatzte Träume

 

Man kann seinem Schicksal nicht entrinnen. Nie wurde dies deutlicher als in der Saison 2015.

So versuchte die Sektion mit der Aufbietung einiger zugekaufter Recken, die vorjährige Schmach des denkbar knapp nicht geschafften Aufstiegs in die Oberösterreichliga nicht noch einmal erleiden zu müssen.

Und wiederum war es so, dass bei wichtigen Partien wieder nicht alle einsatzbereit waren, warum, das ist mir jetzt egal, ich gehe darauf sicher nicht ein. Letztendlich fehlten wieder nur ein paar läppische Zähler. Somit ist mir der Saisonverlauf an sich relativ „Blunzn“, mögen andere Analytiker auf den Plan treten und die sicherlich herausragenden spielerischen Leistungen gebührend würdigen.

Kulminationspunkt des heurigen Menetekels war definitiv ein einziger Punkt im Spitzenspiel des Spitzenspieles gegen Mattighofen, als „unser“ Sebastian Schiessl und Michael Christl Msc aufeinander krachten.

Die beiden Akademiker begannen SINE TEMPORE ein beeindruckendes Match, das man vor Jahren in dieser Güte und Heftigkeit auf unseren Plätzen sicher nicht zu erträumen wagte.

Der Innviertler ging das gesamte Match über forscher ans Werk, während man, dies ist nur meine unzureichende laienhafte Meinung, von unserem Einser hauptsächlich schöne lange Schläge und vermehrt eine geslicte Rückhand -also eine etwas angezogene Handbremse- sah.

Der Mattighofener (das Wort „matt“ müsste nach dieser Leistung aus dem Gemeindenamen für alle Zeiten gelöscht werden) ging mit der Vorhand phasenweise auf jede Kugel mit brachialer Vorhand drauf und dabei war es ihm ziemlich egal, wie lange, platziert oder eingegraben der vorherige Schlag unseres tapferen Mitstreiters war.

Der erste Satz ging mit 6-3 an den Gast, der mit der dargebotenen Performance alle verblüffte.

Im zweiten Satz wogte das Match –spannender hätte der Verlauf auch in einem dritten Satz nicht sein können, man wagt sich diese Konstellation gar nicht auszumalen- hin und her.

Und dann kam dieser oben erwähnte Punkt. Der Punkt an sich und die sich daran unmittelbar anschließenden Konsequenzen hatte in der lange andauernden Geschichte des Buchkirchner Tennis keinen Vorgänger und ich wage zu behaupten, dass nochmals 1,6 Milliarden Jahre vergehen müssten, bis dass noch einmal eine derartige Konstellation eintreten könnte.

Es war in der Schlussphase des zweiten Satzes, bei welchen Stand weiß ich nicht mehr, aber in einer Situation, in der jeder Zentimeter, jeder Augenblick, jeder Gedanke und jeder Windhauch eine Vorentscheidung bedeuten hat können.

Der Spielfluss im Ballwechsel kam plötzlich zu erliegen mit dem Hinweis unseres Spielers, der Ball sei geplatzt.

Daraufhin entbrannte eine längere Diskussion, wie dieser Umstand nach den Regularien des Tennissports zu ahnden sei, wobei natürlich jeder auf die für ihn günstige Variante pochte. Eine Einigung schien jedenfalls gleich schwierig erreichbar zu sein wie der Friede in Nahost.

Normalerweise ist es gängiger Rechtsbrauch, eine derartig verfahrene Situation mit der Wiederholung der Punktes schiedlich friedlich enden zu lassen. Diese Möglichkeit entfällt, wehrt sich einer der Beteiligten wie ein Berserker gegen den Vorschlag.

Diese Situation trat im gegenständlichen Fall ein. Während der Unsrige, also der bayerische Tausendsassa, der Toptennis, Spitzenpolitik, Juristerei, Kommerz und das Fahren schneller Autos wie spielend unter einen Hut zu bringen scheint, eher noch die kompromissbereitere Attitüde an den Tag legte, verbiss sich der Gegner in die Meinung, dass der Punkt unter allen Umständen ihm gehöre.

Mit einem derart von der absoluten Richtigkeit der eigenen Meinung überzeugten Menschen misslingt es selbst dem kompromissbereitesten Menschen, einen Consensus zu erzielen.

Die Diskussion ging alsbald in einen ausgedehnten Sitzstreik über, nichts bewegte sich, das Publikum war totenstill. Wie lange die Situation andauerte, kann im Nachhinein nur noch geschätzt werden, nach meinem Dafürhalten war das Match fünfzehn Minuten lang unterbrochen.

Es gab einen Versuch des ausgebildeten Schiedsrichters Michael Scheid, einen Entscheid per mündlich verkündetem Bescheid herbeizurufen, dies natürlich mit der Maßgabe, die Situation nicht hochoffiziell lösen zu dürfen. Der Versuch konnte ob der Festgefahrenheit der Situation keine Lösung bringen.

Und so überlegt sich der Jurist natürlich, ob es irgendeine andere Rechtsschicht gäbe, die das Pouvoir besitzt, Abhilfe zu schaffen.

Innerlich ratterte ich durch: EU-Verordnungen, EU-Richtlinien, Handelsbräuche, Übung des redlichen Verkehres, Handelssitte, Verkehrssitte, Baugesetze des Verfassungsrecht, integrationsfester Verfassungskern, Bundesverfassung, Landesverfassung, Hypothetische Grundnorm, Gesetze im formellen Sinn, Gesetze im materiellen Sinn, gesetzesvertretende Verordnungen, Notverordnungen, Verordnungen nach Artikel 18 B-VG, Bescheide, Akte der unmittelbaren Befehls- und Zwangsgewalt, Exekutionsakte, ALR, Preußisches Landrecht, Buchkirchner Landrecht, Völkergewohnheitsrecht, 15a-Vereinbarungen, Völkervertragsrecht, Allgemeine Grundsätze des Völkerrechts, Treu und Glauben, ABGB, Code Napoleon, BGB, Allgemeine Rechtsgrundsätze, Kollektivverträge, Codex Hamurabbi, Zwölftafelgesetz, Codex Justinianus, Betriebsvereinbarungen, UN-Resolutionen, Judikate sämtlicher Höchstgerichte, EuGH-Entscheidungen, EuG-Rechtssprüche, Literaturmeinungen, Lehrmeinungen, Erkenntnisse des Seegerichtshof, IGH-Entscheidungen, Entscheidungen des Ständigen Internationalen Gerichtshofes, Schiedsgerichtsbarkeit, Kriegsgerichtsentscheidungen. Nichts fruchtete.

Kurz bevor der Sitzstreik in einen Hungerstreik überzugehen vermochte, wurde doch wieder weitergespielt, der Tiebreak wurde verloren, 3:6 die Partie.

Abrupt reißt hier der Bericht ab, wie auch die gesamte Reihe der Geschichten und Gedanken. Die ausgetrampelten Wege der Vergangenheit sind für mich -so scheint es- nicht mehr gangbar, genug Bälle und Träume sind geplatzt.