Geschichten und Gedanken 42

 

Splendid Isolation - mein Jahr in der Niemandsbucht

 

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, der Verfasser hat sich soeben Herbstferien ausbedungen und lässt nach langem Zeitabstand wieder ungeniert seine Gedanken kreisen, will –um es mit Thomas Bernhard auszudrücken- eine Studie vom Kopf aufs Papier stülpen.

Normalerweise lautet eine Standardfloskel bei jeglicher Art des Rückblickes um diese Jahreszeit: „Es war wieder ein ereignisreiches Jahr…“. Dieser Sentenz kann ich mich wahrlich und beileibe nicht anschließen, zu rar gesät waren die Aktivitäten meinerseits, die auch nur peripher mit dem weißen Sport in Zusammenhang standen.

Und so schweift der Autor ab von gewohnten Wegen und schwenkt ein in ein von einem Klassiker der österreichischen Literatur sowie einer empfehlenswerten außenpolitischen Linie beeinflusstes Gedankenkonstrukt. Denn eine Zeitspanne, in der es dem Schreiber nur zweimal mit Mühe gelang, den Schläger anzugreifen (ein Volleytraining auf Rasen im Newport-Style mit R. Jandl nicht mitgerechnet), wird man wohl als Existenz in der tennisbezogenen Niemandsbucht bezeichnen dürfen und der Rückzug, der sich zwangsläufig, aber stets gewollt, daraus ergab, ist nach den in den letzten Spielperioden gemachten Erfahrungen wohltuend läuternd wie eine Katharsis.

Doch nicht so schnell, beide in der Überschrift auftauchenden Begriffe bedürfen selbstverständlich der Erklärung.

Als „Splendid Isolation“ bezeichnet die Geschichtsschreibung eine Episode in der Geschichte Großbritanniens, in der es im späten 19. Jahrhundert zur Vergegenwärtigung und Nutzung der geographischen Insellage des Vereinigten Königreichs in dessen Außenpolitik mit dem Hauptziel der Aufrechterhaltung des europäischen Mächtegleichgewichts kam. Diese Isolation wurde –wie es der Name schon sagt- als wunderbar empfunden, weil es in dieser Zeit gelang, abseits des weltpolitischen Gezerres, sich ganz auf seine ureigenen Agenden zu besinnen.

„Mein Jahr in der Niemandsbucht“ wiederum ist ein 1069 Seiten umfassendes Werk des Österreichischen Autors Peter Handke aus dem Jahre 1994, in dem es hauptsächlich darum geht, den Prozess des Schreibens eines Romans aufzuzeichnen, ein Projekt, das gegen Mitte des Buches hin zu misslingen droht, am Ende jedoch seinen erfolgreichen Abschluss findet, eine Geschichte des Gewinns, der aus dem Scheitern hervorleuchtet.

Warum passt dieser Vergleich dieser beiden Sujets mit meinem Tennisjahr 2014 gut?

Nun ja, die Isolation ergab sich durch meinen völligen Rückzug aus der Mannschaft, das nur sporadische Auftreten auf dem Platz und der fast schon programmatischen Interesselosigkeit an den konkreten Vorgängen rund um das Wettspiel. Nicht, dass man den jetzigen Leistungsträgern den Erfolg nicht gönnt, aber das ganze Geschehen hat aufgrund der überbordenden Professionalisierung doch immer weniger mit einem selber zu tun.

 

Und so konzentriert man sich halt –wie weiland Großbritannien- auf seine ureigenen Rückzugsgebiete, das heißt in meinem Fall in concreto: ein schnelles Bier, während der Bub mit Tennisbällen spielt, an Sonntagabenden die Pläne aufhängen und gelegentlich einen Bericht wie diesen schreiben. Mehr ist momentan nicht machbar.

 

Auch das erwähnte Buch passt zur Situationsbeschreibung perfekt. Denn es ist in seinen schönsten Augenblicken ein Gesang über das Einverstandensein mit den Dingen, in seinen düstersten ein Dokument der Verzweiflung und in seinen anstrengendsten die Geschichte einer selbstbezüglichen Suchbewegung.

 

Lieber Leser, ist nicht jeder längere Zeitabschnitt in seinen frohen Momenten ein Einverstandensein mit den Dingen, in den dunklen Stunden ein Dokument der Verzweiflung und stets eine anstrengende selbstbezügliche Suchbewegung? Ich zumindest habe dies heuer so stark wie nie empfunden und mir als erste Antwort Ruhe und Abstand verschafft.

 

Was das kommende Jahr betrifft, so habe ich den Wunsch, nach völliger Tennisabstinenz in der kalten Jahreszeit wieder aufgehen zu können in einer fraglosen Spielerei, und dieser Traum ist, wie ich schon spüre, gar kein Traum mehr, um fast wörtlich aus dem in Rede stehenden Buch zu zitieren.

 

Eins ist klar und ist ebenso einer der sinnerfülltesten Schlüsselsätze aus dem an dieser Stelle von mir so laienhaft besprochenen Werk: die Bewegungsenergie soll aus der Sache und aus dem Autor selber, der nun eins mit der Welt ist, wie von selbst kommen.

Aber woher die Energie nehmen, wenn mittlerweile alles brach liegt und die Motivation darnieder? Es wird wohl eines menschlichen Katalysators bedürfen, um diese Abläufe in Schwung zu bringen, und zwar der eingangs erwähnten Buchkirchner Tennislegende, welche 1989 und 1996 den Titel errang und selber –nach ungefähr sieben dürren Jahren- jetzt wieder vermehrt zum Schläger greift.

Ich danke WIKIPEDIA für die Definitionen und der Zeitung DIE ZEIT für die Interpretationshilfe.